Mein Urteil über:
Daniel Oliver Bachmann: Raus aus der Provinz
Spätestens seit Heinz Strunks glänzendem Roman "Fleisch ist mein Gemüse" wissen wir, dass das Leben in der Provinz trostlos und langweilig ist und die einzige Möglichkeit für einen jungen Mann, der Tristesse des Alltags zu entfliehen, darin besteht in einer Rockband zu spielen. Dieses Thema hat nun auch Daniel Oliver Bachmann in seinem jüngsten Roman aufgegriffen und herausgekommen ist eine hanebüchene Story, die man am Ende kopfschüttelnd beiseite legt.
Held des Romans ist Ralf "Ratze" Pukofel, der mit seiner Tante Hedwig in einem kleinen Nest im Schwarzwald lebt. Tagsüber geht er seinem stumpfsinnigen Job in einer Eimerfabrik nach, in seiner Freizeit tingelt er mit der von ihm gegründeten Band "The Plastic Oimers" über die Dörfer. Erfolgreich sind sie nicht die fünf Schwarzwald-Rock'n Roller und in einem Gewusel aus Streit, Saufen und Schlägereien bricht die Band eines Tages auseinander. Für Ratze, der unverdrossen an seine Karriere als Rocksänger glaubt, ist jetzt die Zeit gekommen, der Provinz ade zu sagen und sich auf den Weg ins große, ferne Berlin zu machen. Denn dort hat er eine Einladung an die International Rock School erhalten, die von keinem Geringeren als dem Jethro-Tull-Chef Ian Anderson geleitet wird. Bestärkt in seinem Vorhaben wird er von seiner Tante Hedwig, die ihm plötzlich eröffnet, dass sie gar nicht gelähmt ist und in ihrer Jugend ein bekanntes Groupie, das es mit so ziemlich allen Rockstars getrieben hat. Nun ja, wer's glauben will.
Unser Held macht sich also auf den Weg in die Hauptstadt und Bachmanns Geschichte mutiert zum Entwicklungs- und Bildungsroman. Denn was braucht man, wenn man als Rocksänger über das Leid und Elend dieser Welt singen will? Richtig, Erfahrungen. Und die bekommt man nur, wenn man selber ganz unten gelebt hat. Folgerichtig stolpert Ratze, kaum in Berlin angekommen, von einer Katastrophe in die andere.
Quasi an jeder Straßenecke und jeder U-Bahnstation stehen Jugendbanden und irgendwann habe ich es dann beim Lesen aufgegeben zu zählen, wie oft Ratze ausgeraubt und zusammengeschlagen wurde. Den Studienplatz an der Musikschule, den er nach einem furiosem Vorspiel bekommen hat, schlägt er aus und nach einem kleinen Intermezzo als illegaler Arbeiter auf einer Berliner Großbaustelle landet er schließlich dort, wo nach Bachmanns Meinung jede anständige Rockkarriere zu beginnen hat, nämlich auf der Reeperbahn in Hamburg. Dort angekommen landet er sofort in den Armen der dicken Nutte Rosa, die ihm für seine letzten 200 Euro nicht nur einen sagenhaften Orgasmus, sondern auch einen Job als Toilettenmann und Gläserspüler in einem Club verschafft, dessen Attraktion das abendliche Wettkotzen unter den Gästen ist und deren Spuren Ratze zu beseitigen hat.
Dabei stellt er sich so gut an, dass ihm der Geschäftsführer des Clubs schon nach kurzer Zeit anbietet, die Leitung des Clubs zu übernehmen, um für sich selbst, und jetzt kommt's mehr, Zeit zum Fliegenfischen an der Binnenalster zu haben. Kleiner Einschub: Wer die Binnenalster in Hamburg kennt, der weiss, das Fliegenfischen hier genauso wahrscheinlich ist wie die Eröffnung einer Kinderspielstraße auf dem Nürburgring. Doch Ratze schlägt den Job aus, denn oh Wunder, oh Wunder hat er doch gleichzeitig von der legendären dänsichen Rockband The Niges, die für einen Abend im Club gastierten, das Angebot bekommen mit ihnen auf Europa-Tournee zu gehen.
Und wie stellt sich nun unser Autor das Leben von Rockstars vor, die sämtliche Hallen zwischen Spitzbergen und Palermo rocken, bei deren Shows ihre weiblichen Fans von multiplen Orgasmen geschüttelt werden? Genau, wie es den Berichten in Bravo und Bunte entspricht. Groupies und Drogen im Überfluss. Doch eines Tages erkennt Ratze dann, dieses Glitterglitzerleben nicht alles ist und verlässt die Band und macht sich auf den Weg zurück in die Heimat. Gerade rechtzeitig, um seiner im Sterben liegenden Tante von seinen Abenteuern zu berichten. Und schließlich wartet ja auch noch Lisa, seine große Liebe auf ihn.
Das Buch liest sich rasch weg und das ist auch das einzig Positive, was man von ihm sagen kann. Die Handlung selbst empfand ich als völlig konstruiert und klischeehaft, so als habe sich der Autor zuvor einen kleinen Zettelkasten mit den Versatzstücken einer Rock'n Roll Karriere angelegt und daraus dann seinen Roman zusammengestückelt. Nein, empfehlen kann ich dieses Buch wirklich nicht.
© Jürgen Heße, Dezember 2006 |