Mein Urteil über:
Honorè de Balzac: Verlorene Illusionen
Mehr als 160 Jahre alt ist Balzacs Roman "Verlorene Illusionen", wenn man als Referenjahr die Veröffentlichung des letzten Teils, "Die Leiden des Erfinders" nimmt und es hat nichts von seiner Aktualität verloren.
Und wie immer, wenn man in Balzacs Welt eintaucht, wird auch hier der Leser reich beschenkt und kehrt mit einem Zuwachs an Wissen und Leseerfahrung in die Welt zurück.
Verlorene Illusionen erzählt die Geschichte des jungen, ehrgeizigen und talentierten Dichters Lucien Chabron. Dieser gewinnt die Freundschaft von David Sechard, einem jungen Druckereibesitzer, der, von seinem geizigen, nur auf den eigenen Vorteil bedachten Vater, zu einem völlig überhöhten Preis dem väterlichen Betrieb erwerben musste. Während David mühsam versucht, die Druckerei unter dem wachsenden Druck der Konkurrenz über die Runden zu bringen, macht Lucien in dem kleinen Ort Angoulême Karriere als Dichter. Er gewinnt die Aufmerksamkeit der adligen Madame de Bargenton mit der er wenig später nach Paris flieht.
Dort angekommen schlägt ihm, dem kleinen Provinzdichter, alsbald die Verachtung der Pariser Gesellschaft entgegen. Hin und hergerissen zwischem dem Wunsch weiter an seinem großen Romanwerk zu arbeiten und die Anerkennung der einflußreichen Gesellschaftskreise zu gewinnen, entscheidet sich Lucien für das Letztere und verdingt sich als Theater- und Literaturkritiker. Und in diesem Teil des Romans läuft Balzac zu wahrer Meisterschaft auf. Detailliert und mit bissigem Spott schildert er die Intrigenwirtschaft des Medienbetriebes im Frankreich der Restauration und man hat beim Lesen oftmals das Gefühl, man bräuchte nur ein paar Namen auszutauschen und schon würde man eine aktuelle Reportage lesen.
Das rauschhafte, verschwenderische Leben Luciens hat jedoch ein jähes Ende. Um seine Schulden bezahlen zu können, verstrickt er seinen Freund David ohne dessen Wissen, in ein dubioses Schuldscheingeschäft und kehrt dann, krank und völlig verarmt, heimlich nach Angoulême zurück.
Dort steht sein Freund David Sechard kurz vor der Pleite. Sein wohlhabender Vater verweigert ihm die Unterstützung und seine einzige Chance, seinen Betrieb vor dem Zugriff der Konkurrenz zu retten, besteht darin, dass er seine Erfindung eines neuen Verfahrens zur Papierherstellung vollendet.
Und so wie wir zuvor schon jede Menge Wissenswertes über Drucktechniken und den Pariser Literaturbetrieb erfahren haben, so führt uns Balzac jetzt in die Details des Wechselgeschäfts ein.
Melodramatik wechselt sich ab mit nüchternen Beschreibungen. Und es ist gerade dieser Wechsel zwischen den verschiedenen literarischen Ebenen, die aber nie isoliert nebeneinander stehen, sondern immern auf vielfältige Weise aufeinander bezogen sind, der den Reiz des Romans ausmacht.
Am Ende kommt es dann zu einem überraschenden Plot, der für mein Empfinden etwas zu konstruiert daher kommt. Doch das kann keineswegs den Genuss und die Freude darüber trüben, einen großen Roman gelesen zu haben.
© Jürgen Heße, Juni 2005 |