Mein Urteil über:
Jurek Becker: Jakob der Lügner
Im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule, von Klein auf wird uns beigebracht, stets die Wahrheit zu sagen, so unangenehm dies für uns oder unserem Gegenüber auch sein mag. Natürlich halten wir uns nicht daran und bezeichnen dann unsere Verdrehung der Wahrheit als Notlüge. Mit einer, ach was rede ich, mit unendlich vielen Not-Lügen beschäftigt sich auch Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" und um es gleich vorweg zu sagen, dieser, mittlerweile zum Klassiker avancierte Roman, singt das Hohe Lied der Lüge.
Irgendwo in einem namenlosen polnischen Ghetto fristen der Schneider Jakob Heim und die anderen Bewohner ihr Leben. Außer ein paar armseligen Habseligkeiten besitzen sie nichts mehr, ja selbst an der Natur können sie sich nicht mehr erfreuen, da der Ghettokommandant das Halten von Zier- und Nutzpflanzen strengstens untersagt hat. Und natürlich gibt es eine Ausgangssperre, wonach nach 20 Uhr kein Jude mehr auf den Straßen sein darf. Eine Regel, deren Einhaltung die Betroffenen nur schwer kontrollieren können, haben ihnen die SS-Schergen schon längst alle Uhren abgenommen. So ist es denn auch kein Wunder, dass eines Abends Jakob von den Wachen entdeckt wird und weil er die Ausgangssperre nicht eingehalten hat auf die Kommandantur befohlen wird. Ein wahrer Schreckensort ist die Kommandantur, denn nur wenige, die das Gebäude betraten, haben es auch lebend wieder verlassen. Doch dann geschieht das Unerwartete. Nicht nur, dass Jakobs Verfehlung nicht weiter verfolgt wird, nein Jakob hört auch eine Radiomeldung, wonach die russische Armee nur noch knapp 500 Kilometer vom Ghetto entfernt ist.
Am nächsten Tag erwähnt Jakob diese Radiomeldung gegenüber seinen Freunden und Kollegen, die mit ihm in der gleichen Arbeitskolonne schuften. Und auf die Nachfrage, woher er denn seine Information habe, antwortet Jakob lapidar, dass er im Besitz eines Radios sei. Dass der Besitz eines Radios für die Ghettobewohner bei Todesstrafe verboten ist, versteht sich von selbst. Natürlich macht das Gerücht, dass Jakob im Besitz im Besitz eines Radios ist, im Ghetto schnell die Runde und innerhalb kürzester Zeit steigt der bis dahin kleine und unscheinbare Schneider Jakob zum begehrten Nachrichtenvermittler auf. Das führt dann oftmals zu wirklich haarsträubend komischen Situationen, denn irgendwann wollen seine Freunde das geheimnisvolle Radio auch sehen, ein Ansinnen, das Jakob nur unter Zuhilfenahme all seiner Chuzpe abwehren kann. Immer wieder muss Jakob seinen Freunden von den Entwicklungen an der Front berichten. Immer näher und näher lässt er die russische Armee rücken und in den Augen der Ghettobewohner glimmt so etwas wie Hoffnung auf. Solange bis eines Tages die SS die Menschen aus ihren Wohnungen holt und in bereit gestellte Eisenbahnwaggons verfrachtet. Kurz zuvor hat Jakob seinem Freund Kowalski gebeichtet, dass er kein Radio besäße.
Zwei Romanschlüsse bietet Jurek Becker seinen Lesern zur Auswahl an: den tragisch-heroischen bei dem Jakob seine Fluchtversuch aus dem Ghetto, kurz bevor es von der Roten Armee befreit wird, nicht überlebt und das "blasswangige und verdrießliche, das wirkliche und einfallslose Ende, bei dem man leicht Lust bekommt zu der unsinnigen Frage: Wofür nur das alles?"
Und in der Tat kann man sich angesichts des Zuges, der sich auf dem Weg in eines der Vernichtungslager macht, fragen, was die ganze Lügnerei wert gewesen ist. Jurek Beckers Antwort ist da, wie ich finde, klar und deutlich, sie hat den Menschen, für einen Augenblick Hoffnung gegeben. Sicher, es war eine trügerische Hoffnung, eine Illusion, aber sie hat es vermocht, dass die Menschen im Ghetto für einen Moment Kraft schöpfen und aufatmen konnten.
© Jürgen Heße, Juli 2007 |