Mein Urteil über:
Louis Begley: Ehrensachen
Die Lektüre von Louis Begleys neuem Roman Ehrensachen hat bei mir ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen. Denn so elegant und stilistisch brillant auch Begleys Erzählweise auch sein mag, so hat mich die Geschichte, die er hier erzählt, doch über weite Strecken des Romans ziemlich gelangweilt.
Die Geschichte beginnt in den USA der fünfziger Jahre und endet mit dem Wahlsieg Francois Mitterands Anfang der achtziger Jahre. In dieser Zeitspanne schildert Begley das Schicksal dreier Harvard-Studenten: Sam Standish, Archibald (Archie) Palmer und Henry White. Während Archie und Sam der klassischen amerikanischen Oberschicht entstammen, sind Henrys Eltern polnische Juden, die mit knapper Not den Holocaust überlebt haben und nach Kriegsende in die USA übergesiedelt sind, wo sich Henrys Vater als Fabrikant etabliert hatte. Zentrale Figur des Romans ist Henry White und das Thema, um das es geht hat Begley gleich zu Anfang so beschrieben:
"Trotzden: Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, der keiner zu sein, so lange muß ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken. Wenn jemand mich fragt, muß ich sagen, daß ich Jude bin - es sei denn, diese Wahrheit bringt mich in ein Konzentrationslager oder kostet mich das Leben. Das bin ich mir schuldig, sonderbar für einen wie mich, der nicht glaubt, daß er irgendwem irgendwas schuldet. Aber es ist eine Ehrensache für mich."
Um jüdische Identität geht es also und Begley lässt sich Zeit, seine Geschichte zu entfalten. Der Großteil des Romans spielt an der Harvard Universität und auch wenn sich die amerikanische Upper Society nach außen weltoffen und liberal gibt, so besteht doch ein feingesponnenes Geflecht von Tabus und Vorurteilen gegenüber Juden, die Henry spüren lassen, dass er nie, so erfolgreich er auch sein mag, ganz dazu gehören wird. Da ist die Rede von bestimmten Studentenwohnheimen und -verbindungen zu denen Henry der Zutritt verwehrt wird. Und auch als Henry nach Abschluss seiner Jurastudiums in eine Rechtsanwaltskanzlei eintreten will stößt er zunächst auf eine Mauer der Ablehnung. Gleichwohl entfernt er sich im Laufe der Jahre innerlich immer mehr von seinen Eltern, die sich wünschten, dass ihr Sohn sich stärker zu seiner jüdischen Identität bekennen würde.
Erst mit der Übersiedlung nach Europa, wo Henry in der Pariser Dependance der New Yorker Anwaltssozietät, die ihn als Partner aufgenommen hat, stellt sich für Henry der berufliche Erfolg ein. Er steigt zum Rechtsberater und persönlichen Vertrauten eines belgischen Industriellen auf, doch als Henry eine Lücke im Gesetz nutzt, um dessen französischen Vermögenswerte vor der drohenden Enteignung durch die neugewählte sozialistische Mitterand-Regierung zu retten, kommt es zum Bruch zwischen den beiden.
Am Ende des Romans zieht Henry im Gespräch mit Sam eine schonungslose Bilanz seines Lebens:
"Aber so ist es, sagte er. Wie ich dir gerade erklärt habe, hast du mich von Anfang an durchschaut. Du hast erkannt, daß ich nicht sein wollte, was ich war: ein jüdischer Flüchtling aus Polen mit einer Adresse in Brooklyn und dem Abschluß einer Highschool in Brooklyn. Archie hat hat mir deine treffende Formulierung wiederholt: Henry versucht, als Nichtjude durchzugehen. (...) Ich war ins Land der Freiheit gekommen, also wollte ich frei sein, und das hieß, ich mußte die Ketten und Fußfesseln loswerden, die mich zurückhielten: Krakau und den Morast der jüdischen Geschichte und des jüdischen Leids vor, in und nach dem Krieg. Das Ganze. Den ganzen Judismus."
Auf Begleys Roman dürfte wohl am ehesten die Gattungsbezeichnung "Gesellschaftsroman" zutreffen und vor allem beim Lesen der ersten beiden Drittel des Romans musste ich an die Romane von Henry James und F. Scott Fitzgerald denken.
© Jürgen Heße, Mai 2007 |