Mein Urteil über:
William Boyd: Eines Menschen Herz
Etwas mehr als vierzehn Jahre ist es jetzt her, dass im südfranzösischen Sainte-Sabine der Schriftsteller Logan Gonzage Mountstuart im Alter von fünfundachtzig Jahren an einem Herzinfarkt starb. Wie, der Name Mountstuart sagt ihnen jetzt überhaupt nichts und auch mit seiner Biografie über den Dichter Percy Bysshe Shelley, "Des Menschen Sinneskraft" ist ihnen völlig unbekannt. Und ebenso geht es Ihnen mit seinen Romanen Die Mädchenfabrik, Die Kosmopoliten und Die Villa am See? Nun, seien Sie unbesorgt, Sie brauchen an ihren literaturgeschichtlichen Kenntnissen nicht zu zweifeln. Denn die Biografie, die uns William Boyd anhand der Tagebücher Logan Mountstuarts präsentiert, ist reine Fiktion.
Ausgestattet mit einem umfangreichen Register, das jedes, und sei es auch noch so unbedeutend, Ereignis in Mountstuarts Leben akribisch vermerkt, Studenten der Literaturgeschichte werden es dankbar vermerken, Anmerkungen und zusammenfassenden Überleitungen dort, wo Mountstuart kein Tagebuch schrieb, besitzt diese fiktive Biografie alles, was eine ordentliche Biografie ausmacht.
Und Logan Mountstuart, Sohn einer britisch-uruguayischen Fleischindustriellenfamilie, hat nun wahrhaftig ein bewegtes Leben geführt. Angefangen von der Übersiedlung der Familie nach England im Jahr 1923, wo er im Alter von 17 Jahren mit seinen Tagebuchaufzeichnungen beginnt, der Collegezeit und dem Studium der Geschichte am Jesus College in Oxford. Als Zeitungsreporter berichtet er über den Spanischen Bürgerkrieg, begegnet Hemmingway und Picasso und gerät unter dubiosen Umständen an Bilder aus dem Frühwerk von Paul Klee. Im Zweiten Weltkrieg heuert ihn dann Ian Flemming, der Erfinder von James Bond, als Geheimdienstagenten an. Nebenbei schreibt er an seinen Romanen, heiratet eine Adlige, zieht aufs Land, langweilt sich dort entsetzlich und hält sich in London eine Geliebte, die er später heiraten und ein paar Jahre darauf unter tragischen Umständen verlieren wird.
Nach dem Ende des Krieges folgen dann ein längerer Aufenthalt in New York, wo er als Kunsthändler Karriere macht und unter anderem Jackson Pollock begegnet, den er im Gegensatz zu vielen seiner Freunde und Kollegen keineswegs für ein Genie hält.
Und so geht es unaufhaltsam weiter. Gebannt liest man Seite um Seite, ist erstaunt und verblüfft über die Begegnungen und Begebenheiten in denen Boyd seinen Romanhelden geraten lässt. Und immer wieder muss man sich vor Augen halten, dass man es hier nicht mit einer realen Person sondern mit einer Romangestalt zu tun. In der jedoch, und dass scheint mir die eigentliche Größe von Boyds Werk auszumachen, ein bestimmter Typus des europäischen Intellektuellen verdeutlicht wird.
Sicher, Logan Mountstuart ist nicht frei von Fehlern, vieles von dem was er tut, nimmt der Leser kopfschüttelnd zur Kenntnis, gleichwohl kann er sich dem Charme und der Offenheit, mit der Boyd seinen Helden ausgestattet hat, entziehen.
Für mich ist "Eines Menschen Herz" ein rundum gelungenes Buch, dessen Lektüre ich unbedingt empfehlen kann.
© Jürgen Heße, Dezember 2005 |