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Boyle, T. C.:
Amèrica
dtv, München
388 Seiten
10,00 Euro




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Mein Urteil über:

T. C. Boyle:   Amèrica

Nein, man kann es nicht anders sagen, Delaney Mossbacher, seine Frau Kyra und ihr Sohn Jordan leben auf der Sonnenseite des Lebens. Sie ist eine ehrgeizige und erfolgreiche Immobilienmaklerin,während Delaney als Kolumnist für ein Naturfreundemagazin romantisierende Schilderungen seiner kleinen Wanderungen in den kalifornischen Bergen veröffentlicht. Und auch Jordan, ihr Sohn ist nicht schwieriger als andere pubertierende Jungs in seinem Alter. Ganz wie es dem Idealtypus der aufgeklärten, liberalen, sozial engagierten weißen Mittelschicht entspricht sind sie selbstverständlich ernährungsbewußt und sorgen sich um den Schutz der Natur. Und natürlich sind sie von dem uramerikanischen Freiheitsideal überzeugt, dass eine funktionierende Gesellschaft nur eine liberale Gesellschaft sein kann und dass ein jeder die Chance haben sollte, seinen "American Dream" zu verwirklichen.

Und genau das wollen Amèrica und Candido, zwei illegale Einwanderer aus Mexiko, die am Rande der Autobahn, in einem Canyon wie die Tiere hausen. Für sie ist es nicht entscheidend, ob man es sich ausnahmsweise mal erlauben kann zwei Gläser Chardonnay in der Woche zu trinken, nein ihr Traum besteht darin, eines Tages ein paar hundert Dollar zusammen gespart zu haben, um sich in der Stadt ein heruntergekommenes,von Ratten und Kakerlaken verseuchtes Zimmer leisten zu können.

Was passiert, wenn diese beiden Welten im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander prallen, davon erzählt T. C. Boyles Roman Amèrica.

In wechselnder Erzählperspektive beschreibt schildert Boyle den Kampf von Amèrica und Candido um das nackte Überleben, ihren stetigen Kampf bei der illegalen Arbeitsvermittlung einen Job für ein paar Dollar zu ergattern undihre ständige Furcht von der Einwandererpolizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden. Nein, vom Glück sind die beiden nicht gerade verfolgt. Denn immer wieder, wenn sie ein bißchen Hoffnung schaffen können, läßt Boyle sie wieder in die nächste Katastrophe stürzen und sie stehen erneut mit leeren Händen da.

Doch auch die schöne, heile Welt der Mossbachers bekommt Risse. Zunehmend sehen sie und ihre Nachbarn sich von den illegalen Einwanderern bedroht. Nichts konkretes, nur dieses dumpfe Gefühl der Unsicherheit. Und als sich dann in dem Villenresort Arroyo Blanco in dem auch die Mossbachers wohnen, ein paar Einbrüche ereignen, stimmt auch Delaney Mossbacher schweren Herzens der Errichtung einer Schutzmauer rund um die Anlage zu.

Gerade die Kapitel des Buches in denen Boyle die Ängste der Mossbachers vor den illegalen Einwanderern beschreibt, finde ich am besten gelungen. Natürlich sind Delaney, Kyra und all die anderen Bewohner von Arroy Blanco ins karikaturenhafte überzeichnet. Aber Boyle gelingt das Kunststück, das seine Figuren, gerade durch die Übertreibung ihrer irrealen Ängste für den Leser umso realistischer wirken. Denn die Vorurteile, Ängste,Gedanken und Argumente, die Delaney, Kyra und all die anderen gegen die Illegalen vorbringen, die finden wir in leicht abgewandelter Form Tag für Tag im innenpolitischen Teil der Tageszeitung.

"Amèrica" ist ein bitterböses Buch über die Demaskierung der Werte und Ideale nicht nur der amerikanischen weißen Mittelklasse. Und wie alle Romane von T. C. Boyle ist auch diese Geschichte spannend und witzig erzählt. Und vielleicht ist das auch der einzigste Kritikpunkt den man, wenn man wollte gegenüber diesem Buch erheben könnte, das es ein ernstes Thema all zu leicht verpackt hat.

Mein Rat: lesen, lachen, nachdenken. Es lohnt sich, wirklich.




          © Jürgen Heße, Oktober 2003

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