Mein Urteil über:
T. C. Boyle: Willkommen in Wellville
Die Zeit des Jahresende ist bekanntermaßen die Zeit der guten Vorsätze für das kommende Jahr. Und so mancher wird sich vornehmen, nach den Schlemmereien während der bevorstehenden Festtage, sich im neuen Jahr gesünder zu ernähren. Falls Sie auch zu dieser Gruppe gehören sollten, kann ich Ihnen zur Vorbereitung und Einstimmung auf das, was da vielleicht auf sie zukommt, die Lektüre von "Willkommen in Wellville" ans Herz legen. Aber auch für alle anderen bietet diese Gesellschaftssatire des kalifornischen Autors T. C. Boyle uneingeschränkten Lesegenuss.
Will Lightbody geht es, auf gut deutsch gesagt, beschissen. Nach dem plötzlichen Tod seines Kindes, das seine Frau im Sanatorium des Gesundheitsapostel Dr. John Harvey Kellog zur Welt gebracht hatte, und das er nie zu Gesicht bekam, geht es mit ihm bergab. Seinen Alkoholismus bekämpfte seine Frau Eleanor dadurch, dass sie ihn von Opium abhängig machte. Sein Magen revoltiert, er kann nichts mehr essen. In dieser Situation beschließt Wills Frau Eleanor, dass es für ihren Gatten nur einen Ort auf der Welt gibt, an dem er kuriert werden kann: das Sanatorium des Dr. Kellog in Battle Creek, Michigan.
Das Will am Ende, und so viel kann hier schon verraten werden, die Kuranwendungen von Dr. Kellog überlebt, spricht für seine robuste Konstitution. Einer wochenlangen Milchdiät folgt eine ebenso lange Traubendiät, bis er dann zum ersten Mal wieder halbwegs feste Nahrung zu sich nehmen darf. Mehrmals täglich muss er sich einer Darmspülung und abstrusen gymnastischen Übungen unterziehen. Und während seine Frau mit Eifer und Begeisterung sich den ihr verordneten Übungen und Diätplänen unterwirft, wird Wills Los nur durch die Anwesenheit von Schwester Irene erleichtert.
Doch Battle Creek übt nicht nur auf die gesundheitsbewegten Angehörigen der amerikanischen Oberschicht eine ungeheure Anziehungskraft aus. Nein, hier, gewissermaßen an der Ursprungswiege der Frühstücksflocken, suchen auch zahlreiche windige Geschäftemacher den schnellen finanziellen Erfolg. Unter ihnen sind auch der junge Charlie Ossining und sein älterer, und wie Charlie später erfahren wird, abgebrühterer Geschäftspartner Goodloe H. Bender. Hier in Battle Creek wollen sie mit ein paar tausend Dollar, die Charlie von seiner vermögenden Pflegetante bekommen hat, eine Frühstückflockenfabrik gründen.
Und wie man es von T. C. Boyle kennt, lässt er auch in diesem Roman seine Helden, die so gar nichts Heroisches an sich haben, von einer Katastrophe in die nächste schlittern. Eleanor begibt sich in die Hände des deutschen Arztes Spitzvogels, der mit seiner Manipulationstherapie ihren Klinikaufenthalt um neue Erfahrungen bereichert. Und Will muss zu seinem Leidwesen erfahren, dass Schwester Irene leider schon vergeben ist. Nicht viel besser geht es Charlie Ossining. Denn seine Pflegetante Mrs. Hookstratten hat ihren Besuch angekündigt und von der blitzsauberen Flockenfabrik, die er ihr in seinen Briefen beschrieben hat, ist nichts vorhanden. Und so stolpern Boyles Protagonisten unweigerlich auf die große Katastrophe zu.
Bissig im Ton, drastisch in der Wortwahl, ist auch dieser Roman von T. C. Boyle ein glänzend geschriebener Unterhaltungsroman. Ein echter Pageturner hat ein Kritiker geschrieben. Dem kann ich nur beipflichten. Viel Vergnügen beim Lesen und Guten Appetitt, egal ob Sie nun Corn Flakes oder ein Steak essen, wünsche ich Ihnen.
© Jürgen Heße, Dezember 2004 |