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Bräunig, Werner
Rummelplatz
Aufbau Verlag, Berlin
768 Seiten
24,95 Euro




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Mein Urteil über:

Werner Bräunig:   Rummelplatz

Die DDR dürfte wohl auch deshalb gescheitert sein, weil sie Autoren wie Werner Bräunig keinen Raum gegeben hat. Das ist, zugegebenermaßen. eine kühne These und die objektiven Probleme und Sachzwänge, wie sie sich in Produktivitätskennzahlen, in Leistungsbilanzen, Devisenreserven und internationaler Wettbewerbsfähigkeit niederschlagen, dürften mit Sicherheit eine größere Rolle gespielt haben. Gleichwohl habe ich mich, als ich Bräunigs Romanfragment vor ein paar Tagen zu Ende gelesen hatte, gefragt, was aus der DDR geworden wäre, wenn sie ihn und andere Schriftsteller, die sich in ihren Werken kritisch mit der Realität auseinander gesetzt haben, nicht verboten und ausgewiesen hätte. Eine müßige, eine spekulative Frage, gewiss und vielleicht wird der eine oder andere einwenden, dass der Zusammenbruch dann halt ein paar Jahre eher gekommen wäre.

Dass die damalige Staats- und Parteiführung Bräunigs Roman nicht zur Veröffentlichung freigeben konnte, das liegt in der Machterhaltungslogik eines politischen Systems in dem die poltische Macht bei wenigen Führungspersonen monopolisiert ist. Denn Bränig liefert in seinem Roman ein ungeschöntes Bild der DDR-Realität der fünfziger Jahre.

Schauplatz der Romanhandlung ist die Wismut AG. Jener geheimnisvolle Staat im Staate, der lange Jahre der direkten Kontrolle der Sowjetunion unterstand, denn die Wismut förderte Uran und dies benötigte die Sowjetunion um im atomaren Rüstungswettlauf mit den USA nicht vollends den Anschluss zu verlieren.

Hier kreuzen sich die Wege von vier jungen Leuten: dem Professorensohn Christian Kleinschmidt, der sich erst in der Produktion bewähren muss, bevor ihm als Sprößling einer bürgerlichen Familie ein Studienplatz gegeben wird, der Halbstarke Peter Loohse, Ruth Fischer, die Tochter des aufrechten Altkommunisten Hermann Fischer und Nickel, einem jungen SED-Funktionär, der unversehens zum Personalleiter der Papierfabrik berufen wird, in der Ruth arbeitet.

Minutiös, bis ins kleinste Detail schildert Bräunig die Arbeitsvorgänge unter Tage beim Uranabbau und in der Papierfabrik. Und es ist eine wahre Knochenschinderei die die jungen Männer da hinnehmen müssen. Schlamm, Dreck, die ständige Gefahr von zusammenbrechenden Stollen, schlechtes Arbeitsmaterial, der Konkurrenzkampf der verschiedenen Brigaden untereinander und über allem die Produktionsvorgaben der sowjetischen Leitung des Betriebes. All das schildert Bräunig in einer solch knappen, lakonischen Sprache, dass man Seite um Seite liest.

Aber Bräunig geht es in seinem Roman um mehr als um eine bloße realistische Beschreibung unmenschlicher Arbeitsbedingungen in den erste Jahren der DDR. Immer wieder finden sich in seinem Roman, insbesondere zum Ende hin, lange Passagen in denen er sich mit der Frage auseinandersetzt, ob und wie denn überhaupt der Aufbau des Sozialismus in einem Land möglich sein kann, das kaum über eine industrielle Infrastruktur verfügt, kaum Bodenschätze hat, deren Fachpersonal vom Westen abgeworben wird (Bräunig beschreibt dies sehr plastisch am Beispiel der Papierfabrik, wo über Nacht fast die gesamte Betriebsleitung in den Westen flüchtet) und wo der Großteil der Bevölkerung noch ein paar Jahre zuvor der Nazi-Ideologie hinterher gerannt ist.

Sicher, manche Stellen triefen da vor sozialistischer Aufbaurhetorik und man merkt ihnen an, das sie nicht überarbeitet worden sind, aber sie mindern nicht den uneingeschränkt positiven Gesamteindruck, den dieses Buch bei mir hinterlassen hat. Wer etwas über die DDR der fünfziger Jahre erfahren will, für den sollte der Roman von Werner Bränig eine Pflichtlektüre sein.



          © Jürgen Heße, Januar 2008

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