Mein Urteil über:
Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse
Ein Junge wächst in den Hamburger Elbvororten auf, buddelt als kleines Kind mit Herzenslust in der Sandkiste, kommt in den Kindergarten, später dann aufs Gymnasium und beginnt nach dem Abitur ein Studium an der Uni Hamburg.
Wäre dies allein die Biografie von Axel Brauns, dann hätte wohl kein Verlag seine Erinnerungen an seine ersten 20 Lebensjahre veröffentlicht. Doch Axel Brauns wächst heran in einer Welt, die bevölkert ist von Buntschatten und Fledermäusen. In der die Haha und der Dachs eine wichtige Rolle spielen, in der mit Wonne gewichelt und gedingelt wird und die weiße Wolkencreme einfach himmlisch schmeckt.
Axel Brauns ist Autist und mit seinem Buch ist ihm das Kunststück gelungen, dem Leser einen Einblick in eine Welt zu geben, die uns ansonsten verschlossen bleibt. Und diese Welt beschreibt uns Axel Brauns in einer poetischen, bildhaften Sprache, die nie Mitleid erheischend daher kommt, sondern stets voller Selbstironie ist. Oder wie Axel Brauns in einer Vorbemerkung schreibt:"Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung für das Leben in einer Welt ohne Autismus. Die Höflichkeit hat viele Näpfe aufgestellt, in die man treten kann. Autisten sind Meister darin, keines auszulassen."
In der Welt Axel Brauns existieren zwei Arten von Wesen: die Buntschatten und die Fledermäuse. Die Fledermäuse, das sind die Bedrohlichen, die Buntschatten sind die Gutartigen. Doch unversehens konnte ein Buntschatten zu einer Fledermaus werden, wie sich auch eine Fledermaus plötzlich in einen Buntschatten verwandeln konnte. Und dass ein Leben in einer Welt, in der die überlebensnotwendigen Abgrenzungen und Unterscheidungen von einer Sekunde zur anderen in Frage gestellt werden können, kein einfaches Unterfangen ist, versteht sich von selbst.
Aber Axel Brauns gelingt es. Und wie es ihm gelingt, das erzählt er auf eine packende Art und Weise, die den Leser vom ersten bis zum letzten Satz in eine faszinierende Welt eintauchen lässt, die ihm fremd und vertraut zugleich vorkommen wird.
© Jürgen Heße, Mai 2005 |