Mein Urteil über:
Axel Brauns: Kraniche und Klopfer
Nicht nur mit seinem Titel, auch inhaltlich knüpft der Hamburger Autor Axel Brauns mit seinem zweiten Werk an seinen, 2002 unter dem Titel Buntschatten und Fledermäuse (hier) erschienenen, autobiografischen Roman an. Denn auch in Kraniche und Klopfer geht es um die Selbstbefreiung eines kleinen Kindes.
Der Hamburger Stadtteil Groß Flottbek gilt als Hort bürgerlicher Wohlanständigkeit. Hier lebt die Familie Adelung, bestehend aus der Mutter Carla und den beiden Kindern Adina und Bolko, in einem großen Backsteinhaus. Adinas (und Bolkos) Welt, so hat es ihnen ihre Mutter beigebracht und schärft es ihnen jeden Tag aufs Neue ein, zerfällt in zwei Bereiche: ihr Zuhause und dem Rest der Welt, dem Klopferland, bevölkert von den Klopfern mit ihren unverständlichen Sitten und Gebräuchen. Denn sollte ein Klopfer jemals das rote Backsteinhaus der Adelungs betreten, dann würde er unweigerlich all die Schätze entdecken, die Carla Adelung Tag für Tag heranschafft. Würde die Wand von Kisten sehen mit "Wie schön das ist" oder den Kistenstapel mit "Das will ich mir noch ansehen", würde die riesigen Wäscheberge entdecken oder den Stapel Kartons, bis zum Rande gefüllt mit Dingen, die zu schade zum Wegwerfen sind.
Denn Carla Adelung ist das, was man gemeinhin als einen "Messie" bezeichnet, die seit dem Tod ihres Mannes die Welt draußen von ihrem Müll befreien will und diesen Tag für Tag mit ihrem Kombi nach Hause bringt und so langsam aber sicher das rote Backsteinhaus in eine einzige riesige Müllkippe verwandelt.
Die strikte Trennung zwischen den (vermeintlich) feindlichen Klopfern und den Bewohnern des Adelunghauses bekommt erste Risse als die sechsjährige Adina, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, eingeschult wird. Adina ist die klassische Außenseiterin. Sie riecht schlecht, sie ist nicht modisch angezogen, sie wird von ihren Klassenkameraden gemieden und meidet ihrerseits den Kontakt zu ihnen. Zu Hause, nach dem Unfalltod ihres kleinen Bruders Bolko, spitzt sich die Situation immer mehr zu. Nur mühsam kann Carla Adelung die bürgerliche Fassade noch aufrecht erhalten. Wie besessen schleppt sie in immer größerem Maße den Wohlstandsmüll der Hamburger in ihr Haus, in dem man sich mittlerweile kaum noch bewegen kann. Das Mädchen Adina wäre sicher alsbald völlig verwahrlost, wäre sie nicht durch einen guten Zufall der Nachbarin Erla begegnet.
Nach und nach entwickelt sich zwischen der älteren Frau, die als Dokumentaristen beim Spiegel-Verlag arbeitet, und dem jungen Mädchen ein enges freundschaftliches Verhältnis. Ja, Adina beginnt zu erkennen, dass die Klopfer nicht alle von Grund auf schlecht und böse sind und dass es durchaus auch seine Vorteile haben kann, frisch gebadet in einer aufgeräumten Wohnung sich aufzuhalten.
Vertieft wird die Freundschaft zwischen den beiden, als Erla, die in ihrer Freizeit im Duvenstedter Brook Kraniche bewacht, das Mädchen mit in das Naturschutzgebiet nimmt. Nach heftigem Drängen kann Adina gegenüber ihrer Mutter durchsetzen dass sie regelmäßig mit Erla in den Brook fahren darf. Derweil steuert im Hause Adelung alles auf die unvermeidliche Katastrophe zu. Zwar hat Carla Adelung zum wiederholten Male versprochen endlich das Haus aufzuräumen, doch hat sie bislang dieses Versprechen nicht gehalten. Und als Adina von einer Klassenreise zurückkehrt findet sie ihre Mutter zusammengebrochen im Hausflur liegen. Jetzt ist die Katastrophe da, denn jetzt müssen fremde Klopfer das Adelunghaus betreten.
"Kraniche und Klopfer" ist ein Roman, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Das liegt vor allem an der poetischen Sprache von Axel Braun. Schon in Buntschatten und Fledermäuse konnte man seine Worterfindungen bewundern und auch in Kraniche und Klopfer lässt er seiner Wortphantasie freien Lauf. Bewundernswert ist jedoch der gekonnte Spannungsaufbau des Buches. Zunächst ist da die schmunzelnde Verwunderung über das skurille Leben im Adelunghaus bis dann nach und nach die Stimmung kippt und der Leser das ganze Ausmaß der persönlichen Katastrophe von Carla Adelung und ihrer Tochter Adina wahrnimmt.
Kurz und knapp, Kraniche und Klopfer ist ein bimssteingutes Buch und wird zum Lesen dringendst empfohlen.
© Jürgen Heße, Oktober 2006 |