Mein Urteil über:
Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau
"Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich, nach Osten."
So beginnt Wolfgang Büschers Bericht über seine Wanderung nach Moskau, das er nach einer 82tägigen Wanderung erreicht haben wird. Ausgestattet mit ein wenig Wäsche zum Wechseln, Karten, gutem Schuhwerk und jeder Menge Notizbüchern, um seine Beobachtungen festzuhalten, macht er sich auf den Weg.
"Berlin - Moskau" ist kein Reiseführer der klassischen Art, wer Tipps für Unterkünfte und billiges Essen oder die Öffnungszeiten von Theatern und Museen sucht, der wird dieses Buch enttäuscht beiseite legen. Doch alle anderen, die an Menschen und Landschaften interessiert sind, werden dieses Buch, dessen bin ich mir sicher, mit Begeisterung lesen.
In gut dreißig kurzen Kapiteln hat Büscher seine Eindrücke festgehalten. Gleich zu Beginn seiner Wanderschaft werden wir mit einer Art geografischen Relativitätstheorie konfrontiert. Wo fängt er eigentlich an, der Osten? Für uns Deutsche, insbesondere denjenigen aus der alten BRD sicherlich in Polen, und als er dann in Polen seinen Gesprächspartner diese Frage stellte, kam selbstverständlich die Antwort, in Weißrußland natürlich. Und für seine weißrussischen Bekannten begann der Osten an der Grenze zur Russischen Föderation.
Vielen Menschen ist Büscher auf seiner Wanderung begegnet und er erzählt uns auf eine sehr stille und einfühlsame Weise von ihren Schicksalen. Da ist die polnische Adelsfamilie Mankowski, an derem Beispiel uns Büscher erzählt wie die polnische Elite von Hitler und Stalin vernichtet wurden. Wir besuchen später mit ihm den Wald von Katyn, in dem rund 4.000 polnische Offiziere von den Sowjets hingerichtet wurden. Wir lesen, wie er mit einem Begleiter durch das menschenleere Gebiet um das zerstörte Atomkraftwerk Tschernobyl fährt, begegnen einem russischen Yogi und lassen uns die Geschichte eines deutschen Hauptmanns erzählen, der sich im Minsker Ghetto in eine Jüdin verliebte und mit ihr zu den russischen Partisanen überlief.
Von stundenlangen, einsamen Fußmärschen lesen wir, von der allabendlichen Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Von düsteren Restaurants, die mit schweren Vorhängen das Tageslicht aussperren. Es ist eine Welt des Umbruchs die Büscher schildert. Mit einem Bein noch in der leidvollen Vergangenheit stehend, mit dem anderen die ersten Schritte in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie machend.
Und dann, der Herbst hat bereits begonnen, hat er es geschafft. "Dann war da noch eine Brücke, ich musste hinüber auf die richtige Autobahnseite, und da drüben, da drüben war so ein kleiner Automarkt unter freiem Himmel, so einer, bei dem man nicht genau weiß, wessen Auto man eigentlich kauft, kaukasische Männer standen herum, in ihren Fingern spielten Rosenkränze und Banknotenbündel, sie wunderten sich, als so ein komischer Penner mit brennenden Augen und einem heiseren Jubelschrei auf das Ortsschild von Moskau zulief und es umarmte. Er war da."
© Jürgen Heße, Juli 2004 |