Mein Urteil über:
J. M. Coetzee: Schande
J. M. Coetzees Roman "Schande", für den der Autor 1999 mit dem angesehenen Booker Prize ausgezeichnet wurde, beginnt mit einem altbekannten Thema, wie wir es unter anderem aus den Romanen von Philip Roth zur Genüge kennen: David Lurie, ein älterer Literaturprofessor, beginnt eine Affäre mit einer seiner Studentinnen. Kurze Zeit später taucht ein Freund von ihr auf und bedeutet Lurie, dass er besser seine Hände von Melanie ließe. Eines Tages wird sein Auto demoliert und wird seine Affäre auch der Universitätsleitung bekannt. Lurie bekennt sich schuldig, ist aber zu keinen weiteren Aussagen bereit und wird deshalb aus der Universität entlassen. Um mit sich ins Reine zu kommen und in Ruhe seine Arbeit über Byron fortsetzen zu können, beschließt er für eine Zeit zu seiner Tochter Lucy aufs Land zu ziehen.
Lucy, zu der er viele Jahre keinen Kontakt hatte, betreibt eine kleine Farm und eine Hundepension. Lurie kann sich zunächst nur schwer in diese ihm fremde Welt hineinfinden. Aber irgendwann gelingt es ihm und es scheint als könnte der ruhige Rhythmus des Farmlebens seinem Leben neuen Halt geben. Doch dann werden Vater und Tochter eines Tages Opfer eines brutalen Überfalls. Während Lurie im Bad von den Tätern eingeschlossen und mit Benzin übergossen wird, wird Lucy im Schlafzimmer vergewaltigt.
Im Gegensatz zu ihrem Vater, der auch die Vergewaltigung der Polizei melden will, verschweigt Lucy diesen Vorfall gegenüber den Behörden. An diesem Konflikt zerbricht denn auch letztendlich die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Während Lurie mit den Mitteln des Rechtsstaates gegen die Täter vorgehen will, von denen einer, wie sich bald herausstellen soll, zur Verwandtschaft von Lucys Nachbarn Petrus gehört, betrachtet Lucy ihre Vergewaltigung als eine Art gerechter Sühne, die die Weißen gegenüber der schwarzen Bevölkerung Südafrikas zu entrichten haben.
Ich habe zu diesem Roman keinen Zugang gefunden. Das mag zu einem gewissen Teil an der Ausgangssituation gelegen haben, Literaturprofessor geht mit Studentin ins Bett, die ich mittlerweile nur noch langweilig finde. Zum anderen konnte ich mich in das Denken und Handeln von Lucy, der Gegenspielerin von Lurie nicht hineinversetzen. Insgesamt kam mir der ganze Roman reichlich abgehoben und streckenweise arg konstruiert vor. So als ob der Autor versucht hätte, bestimmte gesellschaftspolitisch-kulturelle Fragen unbedingt in die Form eines Romans zu pressen. Meiner Ansicht nach hätte Coetzee anstelle eines Romans besser einen längeren Essay schreiben sollen.
© Jürgen Heße, Dezember 2004 |