Mein Urteil über:
Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Dass zwischen Fußball und Religion ein enger Zusammenhang besteht wissen wir spätestens seit Herbert Zimmermanns legendärer Radioreportage vom Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern, als der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft Toni Turek, nachdem er einen unhaltbaren Ball gehalten hatte, von Zimmermann kurzerhand in den Status eines Fußballgottes erhoben wurde.
Um Religion und Fußball geht es auch in Delius autobiographischer Erzählung, in der er schildert, wie er damals, als elfjähriger Pfarrerssohn in dem kleinen hessischen Dorf Wehrda, den 4. Juli 1954, den Tag, an dem das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen den hochfavorisierten Mannschaft aus Ungarn und dem Underdog aus Deutschland stattfinden sollte.
Für seine Eltern und Großeltern, die mit der Fußballbegeisterung des jungen Friedrich Christian, der diesem entscheidenden Tag seit Tagen entgegenfiebert, nichts anfangen können, ist es Sonntag wie jeder andere auch. Das sonntägliche Glockengeläut weckt den Jungen, es wird gefrühstückt, es folgt der Kirchgang, danach das Mittagsessen, wo der Vater, wie gewohnt, die Bratenscheiben verteilt und der anschließende obligatorische Mittagsschlaf, von dem der Junge seit einiger Zeit befreit ist.
Es ist die enge Welt des jungen Nachkriegsdeutschland in die Delius seine Leser in den ersten beiden Dritteln seiner Erzählung entführt. Die gerade mal zehn Jahre zurückliegende Zeit der Naziherrschaft, der Krieg und die Judenvernichtung tauchen nur hin und wieder für einen kurzen Moment, wie ein dunkles Gerücht an der Oberfläche auf. Das politische Bewusstsein der Menschen wird beherrscht von der Angst vor dem Russen und dem wohligen Gefühl der Sicherheit, was die in unmittelbarer Nähe des Dorfes stationierten US-Soldaten vermitteln.
Und als dann endlich, wenige Minuten vor Spielende Helmut Rahn die deutsche Mannschaft in Führung brachte und man dieses Ergebnis bis zum Schluss halten konnte, da hatte das Spielergebnis in der Tat eine von keinem politischen Beobachter vorhergesehene Wirkung auf die politische Psyche der deutschen Bevölkerung. Oder wie Friedrich Christian Delius am Schluss seiner Erzählung schreibt:
"So leicht fühlte ich mich nie, und unter dem pulsierenden Siegesgefühl lag eine tiefe, verzweifelte Ahnung, was es heißen könnte, befreit zu sein von dem Fluch der Teilung der Welt in Gut und Böse, befreit von der Besatzungsmacht, dem unersättlichen Gott und vielleicht auch die Ahnung von der begrenzten Dauer dieses Glücks, einmal ungebremst Ja! sagen zu können."
© Jürgen Heße, Februar 2007 |