Mein Urteil über:
Charles Dickens: Oliver Twist
Dickens Klassiker über das Schicksal des Waisenjungen Oliver Twist war mir natürlich seit vielen Jahren bekannt, aber gelesen hatte ich ihn bislang noch nicht. Die Neuverfilmung des Romans durch Roman Polanski bot jetzt den Anlass, das Versäumte nachzuholen.
Die Geschichte des Romans dürfte hinlänglich bekannt sein. Oliver Twist, der seinen Namen vom Kirchspieldiener Bumble verliehen bekam, wächst in einem Armenhaus heran, kommt dann ins Arbeitshaus und tritt wenig später, nachdem er kurz zuvor den Fängen des brutalen Schornsteinfegers Gamfield entronnen ist, seine erste Arbeitsstelle beim Leichenbestatter Strowberry an. Den ständigen Hänseleien des anderen Personals müde, flieht er nach London, um dort, wie es so schön heißt, sein Glück zu machen.
Dort gerät er an den Juden Fagin, der eine Bande jugendlicher Taschendiebe befehligt. Und auch Oliver soll zu diesem Beruf ausgebildet werden. Sein erste Diebestour, die er mit dem "Baldowerer" und Charlie Bates, zwei langjährigen Mitgliedern in Fagins Bande unternimmt, schlägt jedoch fehl. Oliver wird fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt und kann nur durch den Einsatz von Mister Brownlow, einem Philantrophen wie er im Buche steht und den er angeblich bestohlen haben soll, vor dem Gefängnis bewahrt werden.
Brownlow, der an Oliver Gefallen gefunden hat, nimmt ihn bei sich auf und es scheint, als ob sich für Oliver nun alles zum Guten wenden würde. Bis eines Tages Oliver auf einen Botengang, den er für Herrn Brownlow besorgen soll, von Fagins Leuten entführt wird. Diesmal soll Oliver, zusammen mit dem brutalen Dieb Sike einen Einbruch begehen. Der Einbruch scheitert, Oliver wird angeschossen und Sike flüchtet. Oliver wird von Mrs. Maylie, die er eigentlich berauben sollte, aufgenommen und gesund gepflegt.
Auf den letzten 50 Seiten des Romans verdichtet sich die spannende Handlung noch einmal. Sikes begeht einen Mord, Fagin wird verhaftet und zum Tode verurteilt und auch das Geheimnis um Olivers Herkunft wird gelöst.
Dickens Roman zählt zu Recht zu den Klassikern der Weltliteratur. Nicht allein wegen der spannenden Geschichte, die er erzählt, wobei mir persönlich das Ende der Geschichte ein wenig zu konstruiert vorkommt, sondern vor allem, weil er einen präzisen und kritischen Blick auf die Schattenseite der Weltmetropole London legt. die Ende des 19. Jahrhunderts die britische Weltherrschaft versinnbildlichte. Und es sind vor allem die Figuren des Romans, die Dickens Erzählkunst vor den Augen des Lesers lebendig werden lässt: Mr. Bumble, den Kirchspieldiener, den Hehler Fagin und vor allem Nancy, die Freundin von Sikes, die hin und her gerissen ist, zwischen dem Wunsch nach einem gesitteten bürgerlichen Leben und der Ganovenehre, die es ihr unmöglich macht, Fagin und seine Kumpane zu verlassen.
Meine Empfehlung: unbedingt lesen
© Jürgen Heße, Januar 2005 |