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Doerry, Martin:
Mein verwundetes Herz
DVA,Stuttgart
351 Seiten
24,90 Euro




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Mein Urteil über:

Martin Doerry:   Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 - 1944

Als Gerhard Jahn, ehemaliger Bundesjustizminister im Kabinett Brandt, 1998 in Marburg verstarb, fanden sich in seinem Nachlass rund 250 Briefe, die er und seine Schwestern an ihre Mutter Lilli von Beginn ihrer Verhaftung im August 1943 bis zu ihrer Ermordung im Konzentrationslager Auschwitz im Juni 1944 geschrieben hatten. Der Journalist Martin Doerry, ein Enkelsohn von Lilli Jahn hat diese Briefe zusammen mit anderen Briefen Lilli Jahns jetzt veröffentlicht. Unmittelbar nach seinem Erscheinen wurde dieses Buch von der Kritik einhellig gelobt und mit den Tagebüchern der Anne Frank und den Aufzeichnungen Viktor Klemperers gleichgestellt.

Lilli Jahn wurde am 5. März 1900 als Tochter des Kaufmanns Josef Schlüchterer und seiner Frau Paula geboren. Als ein fröhliches, lebenslustiges Mädchen wächst sie großbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon früh entwickelt sie ein ausgeprägtes Interesse für Philosophie, Literatur und Musik. Nachdem sie Ostern 1919 ihre Abiturprüfung bestanden hatte nahm sie im Herbst desselben Jahres ihr Medizinstudium auf, das sie fünf Jahre später mit der Promotion abschloß. Während ihrer Studienzeit verliebt sich die junge Lilli in ihren älteren Studienkollegen Ernst Jahn. Dieser ein eher grüblerischer junger Mann, der sich als Protestant stark zum Katholizismus hingezogen fühlt, erwidert nach anfänglichen Zögern Lillis Gefühle. Zwar gibt es zwischen Lilly und Ernst immer wieder Auseinandersetzungen, denn Ernst, der dem konservativen Frauenbild seiner Zeit verhaftet ist, kann sich nur schwer damit abfinden, dass Lilli auch nach der Heirat zunächst weiter in ihrem Beruf als Ärztin tätig sein möchte. Und Lilli befürchtet wiederholt, das Ernst insgeheim Vorbehalte gegen sie hat, weil sie jüdischen Glaubens ist.

Auch die Eltern Lillis stehen einer Ehe zwischen den beiden zunächst skeptisch bis ablehnend gegenüber. Doch schließlich heiraten Ernst und Lilli am 12. August 1926 und lassen sich in Immenhausen nieder, wo sie eine gemeinsame Arztpraxis betreiben. In rascher Folge gebiert Lilli vier Töchter und einen Sohn. Aufgrund ihres beruflichen Status gehören die Jahns quasi automatisch zur gebildeten Oberschicht der Kleinstadt, in der sie leben. Es entwickeln sich freundschaftliche Kontakte zum Pfarrer des Ortes und zu Ärztekollegen.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 und den bald darauf beginnenden Repressionsmaßnahmen gegenüber der jüdischen Bevölkerung nimmt auch der Verfolgungsdruck auf Lilli Jahn zu. Zwar ist sie durch ihre Ehe vor unmmittelbarer Verfolgung geschützt, doch die berufliche und vor allem die gesellschaftliche Isolierung nehmen immer stärker zu. Freunde und Kollegen meiden nun den Kontakt mit ihnen, die Rassegesetze verbieten Lilli so gut wie jegliche Teilnahme am öffentliche Leben.

Ihr Mann Ernst kann diesem Druck nicht standhalten. Er verliebt sich in eine Kollegin und im Oktober 1942 wird die Ehe zwischen Lilli und Ernst Jahn geschieden.

Lilli weiß, dass ihre Lage jetzt stark gefährdet ist. Aber sie vertraut darauf, dass die Sorge um die Kinder, sie vor Verhaftung und Deportation schützen werden.

Im August 1943 wird sie dann völlig überraschend in Kassel, wohin sie mit den Kindern im Juli 1943 umgezogen ist, verhaftet und in das Arbeitslager Breitenau gesteckt.

Unmittelbar nach dem die Kinder von der Verhaftung ihrer Mutter erfahren, beginnt ein intensiver Briefwechsel zwischen ihnen. Es sind zutiefst berührende Briefe, voll von kleinen und großen Alltagserlebnissen, Begebenheiten in der Schule etc. In jeder Zeile wird deutlich wie sehr die Kinder sich nach der Mutter sehnen und wie stark das Bedürfnis ist, sie wenigstens mit ihren Briefen an ihrem Alltag teilnehmen zu lassen.

Wiederholt drängt Ilse, das älteste Kind, ihren Vater, sich für die Freilassung von Lilli einzusetzen. Er verspricht dies auch, doch scheint er dabei nicht allzu großen Eifer an den Tag gelegt zu haben.

Im März 1944 wird Lilli Jahn nach Auschwitz - Birkenau deportiert, wo sie am 17. oder 19. August 1944 (das genaue Todesdatum ist nicht feststellbar) verstirbt.

"Mein verwundetes Herz" ist ein Buch, das mich tief berührt hat. Denn es zeigt am Beispiel des Schicksals der Lilli Jahn mit welcher Verblendung, Perfidie und Menschenverachtung die nationalsozialistischen Machthaber ihrer Rasseideologie durchsetzten. Neben dem Tagebuch der Anne Frank halte ich dieses Buch gerade für junge Leser sehr geeignet.

          © Jürgen Heße, Oktober 2003

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