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Enquist, Per Olof:
Der Besuch des Leibarztes
Hanser Verlag, München
371 Seiten
21,50Euro




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Mein Urteil über:

Per Olof Enquist:   Der Besuch des Leibarztes

Per Olov Enquist Roman "Der Besuch des Leibarztes" beginnt mit der berühmten Definition von Immanuel Kant "Was ist Aufklärung?". Und über die Aufklärung, über das Spannungsverhältnis von Vernunft und Leidenschaft handelt Enquist historischer Roman.

Als 1766 König Friederich von Dänemark stirbt, tritt sein sechzehnjähriger Sohn Christian die Nachfolge an. Von einer brutalen Erziehung innerlich zerbrochen, lebt der psychisch labile Junge seit frühester Kindheit in seiner eigenen Traumwelt. Für die konservativ - reaktionären Berater am königlichen Hofe in Kopenhagen ist jetzt genau die Situation eingetreten auf die sie all die Jahre hin gearbeitet haben. Nach außen gilt Christian als absolutistischer Herrscher, de facto hat aber die Clique um den Minister Guldburg die Macht übernommen. Aus machtstrategischen und dynastischen Gründen wird Christian mit der englischen Prinzessin Mathilde verheiratet.

Kurz vor seiner großen Europareise, die ihn auch in Kontakt mit dem berühmten französischen Philosophen Voltaire, wird der Altonaer Arzt und Aufklärer Johan Friedrich Struensee zum Leibarzt des Königs berufen. Zwischen Arzt und Patient entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, ja man kann sagen ein Vertrauensverhältnis. Und es zeichnet die Person Struensees aus, dass er dieses Vertrauen, das ihm der König entgegenbrachte nie für seine persönlichen Zwecke mißbrauchte.

Das Vertrauen, das der König seinem Leibarzt entgegenbringt, geht soweit, dass er die Regierungsgeschäfte in seine Hände legt. Und Struensee, nimmt seine Chance wahr, seine Ideen und Vorstellungen von Aufklärung nun nicht mehr im kleinen, wie er es als Arzt in Altona getan hat, sondern im großen zu verwirklichen. Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie das Leben Struensees verlaufen wäre, hätte er sich nicht in die Königin Mathilde verliebt.

Sehr zart, sehr bedächtig, wie in einem ruhigen Kammerspiel erzählt Enquist die Liebesgeschichte zwischen Struensee und Mathilde, der dänischen Königin. Als Mathilde dann ein Kind erwartet und es ein offenes Geheimnis am Hofe ist, das Struensee der Vater ist, nimmt die Clique um Guldberg ihre Chance wahr, nicht nur diese Menagè a trois ein für allemal zu zerstören, sondern auch den von Struensee in Gang gesetzten gesellschaftlichen Emanzipationsprozess (vorerst) zu stoppen.

Struensee wird am 27. April 1772 hingerichtet, die Ehe zwischen Christian und Mathilde wird aufgelöst. Wenig später kehrt Mathilde nach England zurück.

Per Olov Enquist ist mit diesem Roman ein großer Wurf gelungen. Stilsicher und mit großer sprachlicher Finesse verbindet er historische Fakten und erzählerische Fiktionen zu einem geschlossenen Ganzen. In immer wieder kehrenden Leitmotiven führt er den leser in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten ein.

Meine Empfehlung: unbedingt lesen.





          © Jürgen Heße, Dezember 2003

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