Mein Urteil über:
Per Olof Enquist: Lewis Reise
Gäbe es eine Buchreihe mit dem Titel "Die Antipoden der Aufklärung" dann wären die Romane des schwedischen Romanciers Per Olov Enquist dort auf jeden Fall vertreten. Ging es in "Der Besuch des Leibarztes", der Roman, mit dem Enquist in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, um den Gegensatz zwischen Vernunft und Leidenschaft, so steht im Mittelpunkt von Enquists neuem, 2003 in deutsch erschienem Roman "Lewis Reise" um den Zusammenhang von Moderne und Religion.
In "Lewis Reise" erzählt Enquist die Geschichte der dänischen Pfingstbewegung, die sich von 1913 bis heute von einer kleinen Gemeinde zu einer weltweiten Glaubensgemeinschaft mit mehr als 250 Millionen Mitgliedern, vor allem in der Dritten Welt, mit eigenen Zeitungen und Radiostationen entwickelt hat.
Man kann Enquists Buch auf verschiedene Weise lesen. Da ist zum einen die Geschichte von Lewi Pethrus und Sven Lidmann, den Gründern und Führern der Pfingstbewegung. Es ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die von ihrer Herkunft, ihrem Wesen her verschiedener nicht sein können und wie diese Freundschaft schließlich zerbrach und die Pfingstgemeinschaft in ihre tiefste Krise stürzte.
"Lewis Reise" ist aber auch eine Geschichte über das Entstehen totalitärer Organisationen. An vielen Stellen hat mich das Buch an Berichte über die KPdSU zu Zeiten Stalins erinnert. Auch hier gibt es Dissidenten und Abweichhler, die von der Organisation, hier die Glaubensgemeinschaft, ausgeschlossen werden und schließlich daran zerbrechen. Auch hier gibt es einen vollkommenen Machtanspruch, Veruntreuung von Geldern etc.
Und schließlich ist "Lewis Reise" streckenweise auch ein autobiografisches Buch. Denn Enquist hat es seiner Mutter Maja gewidmet, die ein Mitglied dieser Erweckungsbewegung war, deren religiöser Fundamentalismus auch den Autor geprägt hat. Und so finden sich denn in diesem Buch immer wieder Gedanken, Überlegungen Enquists darüber, wie wohl seine Mutter das, was er beschreibt, wahrgenommen hat.
Wie in "Der Besuch des Leibarztes" besticht auch "Lewis Reise" durch seine ruhige, präzise und kristallklare Sprache.
"Lewis Reise" ist ein Buch, das leise daher kommt, den Leser ganz langsam in seinen Bann zieht und ihn dann bis zur letzten Seite nicht mehr losläßt.
© Jürgen Heße, Januar 2004 |