Mein Urteil über:
Arno Geiger: Es geht uns gut
Die Generation der in den sechziger und siebziger Jahren Geborenen beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man sich eine Reihe von Romanen jüngerer deutschsprachiger Autoren, die in den letzten Jahren erschienen sind, anschaut. Da wäre zum Beispiel zu nennen Gerhard Henschels großer Familienroman "Die Liebenden" oder "Vienna" von Eva Menasse oder, obgleich sie nicht zu dieser Altersgruppe zählt, Viola Roggenkamps Familiensaga "Familienleben". Und jetzt also Arno Geiger mit seinem Roman "Es geht uns gut", für den er 2005 den Deutschen Buchpreis erhalten hat.
"Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern. Kurz legt er den Kopf in den Nacken. Während er die Augen noch geschlossen hat, sieht er sich wieder an der klemmenden Dachbodentür auf das dumpf durch das Holz dringende Fiepen horchen. Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, daß am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, daß Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfaßte er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (TBC? Salmonellen?)."
Mit diesem Bild beginnt Arno Geigers Roman und am liebsten möchte man selbst sich einen Schutzanzug überziehen und mit einem Hochdruckreiniger den Dreck beseitigen. Philipp Erlach, ein melancholischer, in sich gekehrter Schriftsteller hat die Villa von seiner Großmutter geerbt und macht sich jetzt daran, das völlig herunter gekommene Gebäude zu sanieren.
Dies ist die Rahmendhandlung des Romans, die sich über einen Zeitraum von zwei Monaten erstreckt. Eingebettet darin sind sieben Kapitel in denen der Autor anhand ausgewählter Tage die Familiengeschichte Philipps Erlachs erzählt, in denen sich die Geschichte Österreichs der vergangenen siebzig Jahre widerspiegelt. In sieben Momentaufnahmen, angefangen mit einem Tag, wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, dem Kriegsende, wo man Peter Erlach, Philipps Vater, mit einer Panzerfaust bewaffnet, durch das brennende Wien irren sieht, um die Stadt vor den Russen zu verteidigen, die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages, die Zeit des Wirtschaftswunders oder den Fall der Mauer 1989.
All das erzählt Geiger in einer ruhigen, bedächtigen und einfühlsamen Sprache. Wirklich spannend wird es in diesem Buch nie, aber das war vom Autor auch nicht beabsichtigt. Doch so schön sich das Ganze auch liest, so bleibt am Ende der Lektüre doch ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Denn warum Geiger diese Geschichte erzählt hat, ist mir nicht so ganz klar geworden. Zu wenig ist meines Erachtens die Rahmenhandlung mit den sieben zeitgeschichtlichen Rückblicken verknüpft und auch Geigers Protagonist Philipp Erlach hat im Verlauf der Geschichte keine Entwicklung erlebt, sondern ist nach wie vor der stille, in sich gekehrte Schriftsteller, der nichts mit der Geschichte seiner Familie zu tun haben will.
© Jürgen Heße, Juni 2006 |