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Glavinic, Thomas:
Die Arbeit der Nacht
Hanser Verlag, München
395 Seiten
21,50 Euro




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Mein Urteil über:

Thomas Glavinicr:   Die Arbeit der Nacht

"Die Hölle, das sind die Anderen", hat der frnzösische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre einmal geschrieben. Doch was ist, wenn die Anderen plötzlich nicht mehr da sind? Herrschen dann paradiesische Zustände? Der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic "Die Arbeit der Nacht" beschäftigt sich mit dem Thema Einsamkeit und der Frage, was ist der Mensch.

Die Geschichte beginnt mit einer Irritation. Jonas, der Held der Erzählung, von dem der Leser im Laufe der Geschichte lediglich erfährt das er 35 Jahre alt ist, in der Möbelbranche arbeitet und mit einer Frau namens Marie zusammen ist, wacht eines Morgens auf, geht runter vor die Haustür und findet seine Tageszeitung nicht vor. Nun, das ist nicht weiter verwunderlich, denn das ist schon öfters passiert. Doch auch aus Radio und Telefon tönt nur ein Rauschen. Er versucht seine Freundin anzurufen, doch auch hier nur Stille am anderen Ende der Leitung. Vielleicht nur ein vorübergehender Ausfall der Telefon- und Datennetze denkt er und macht sich auf dem Weg zur Arbeit. Doch als er an der Bushaltestelle steht und wartet, fällt ihm plötzlich auf, dass die Straße menschenleer ist und auch kein einziges Geschäft geöffnet hat. Das gleiche Bild bietet sich ihm als er in seinem Büro eintrifft. Auch hier sieht alles danach aus, als ob die Anwesenden grade vor ein paar Minuten weggegangen wären. Jonas beginnt nun Wien zu durchfahren, tätigt zwischendurch immer Anrufe, die alle erfolglos sind und dann erkennt er, dass er allein in der Stadt ist. Das ist die Ausgangssituation von Glavinics Roman.

Doch entgegen den Erwartungen des Lesers, der jetzt damit rechnet, dass sich Jonas auf die Suche nach den verschwundenen Menschen macht oder versucht, das Geheimnis ihres Verschwindens aufzudecken, wird dieses Szenario einfach akzeptiert und an keiner Stelle des Romans hinterfragt. Den Rest des Romans, und das sind immerhin gut 300 Seiten, begleitet der Leser nun Jonas bei seinen verschiedenen Aktivitäten. Ziellos durchstreift er das menschenleere Wien, hinterlässt an markanten Orten Hilfrufe, deckt sich mit Lebensmitteln ein und besorgt sich eine Pumpgun, um sich vor was auch immer zu schützen. Überall in der Stadt stellt er Kameras auf, um kontrollieren zu können, ob sich nicht doch noch jemand in der Stadt aufhält. Denn obgleich es so scheint, dass er völlig alleine ist, gibt es doch immer wieder kleine Ereignisse, die ihn irritieren. Plötzlich hängt eine Jacke an der Garderobe, ein Bild verschwindet. Jonas Kontrollzwang geht schließlich soweit, dass er sich beim Schlafen filmt.

Völlig auf sich selbst zurückgeworfen driften seine Gedanken und Phantasien immer mehr in die Vergangenheit ab. Er erinnert sich an Erlebnisse aus der Kindheit, an Begegnungen mit seinem Vater und seiner Mutter, ja er macht sich noch einmal auf, die erste Ferienreise nach zu erleben. Dabei wird die Stimmung des Romans immer düsterer ohne dabei in Schreckens- und Horrorszenarien a la Stephen King abzugleiten. Irgendwann bricht Jonas zu seiner letzten großen Reise nach England auf. Im Haus von Maries Eltern findet er ihre Kleidungsstücke, in deren Duft er versinkt. Dann fährt er wieder zurück nach Wien, um dort seine letzte Reise anzutreten. Und am Ende des Romans hat Jonas zumindest die Antwort auf eine Frage gefunden. Er weiß, was das Glück ist.

"Glück. das war auch, als kleines Kind im Kinderwagen umhergeschoben zu werden. Den Erwachsenen zuzusehen, ihren Stimmen zu lauschen, viele neue Dinge zu bestaunen, begrüßt und angelächelt zu werden von fremden Gesichtern. Dazusitzen und zugleich zu fahren, etwas Süßes in der Hand und die Beine von der Sonne gewärmt zu bekommen. Und vielleicht einem anderen Kinderwagen zu begegnen, dem Mädchen mit Locken und aneinander vorbeigeschoben zu werden und sich zuzuwinken und zu wissen, das ist sie, das ist sie, das ist die, die man lieben wird."

Ich habe mich , offen gestanden, lange Zeit schwer mit der Lektüre dieses Buches getan. Fand es über weite Strecken öde und langweilig, die Handlung nichtssagend. Erst zum Ende hat es mich dann in seinen Bann gezogen, dass ich Seite um Seite regelrecht verschlang. Ja doch, es ist ein empfehlenswertes Buch, wegen seiner Sprache, seiner Gedanktentiefe und weil es radikal mit den Erwartungshaltungen des Lesers bricht.


© Jürgen Heße, September 2006

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