Mein Urteil über:
Andrew Sean Greer: Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli
Im Grunde ist es eine ganz banale Liebes- und Lebensgeschichte, wie man sie schon unzählige Male gelesen hat, die uns der junge amerikanische Autor Andrew Sean Greer hier erzählt. Ein Junge verliebt sich in ein Mädchen, doch er kann nicht mit ihr zusammen kommen. Und nein, es ist nicht die Entfernung, es sind nicht die gesellschaftlichen Standesunterschiede, es sind nicht die elterlichen Verbote. Nein, der Graben zwischen den zwei Liebenden ist viel tiefer, es ist der äußere Schein des Alters. Denn Greers Geschichte basiert auf dem Plot, den wir gleich zu Beginn erfahren: Max Tivoli, der Held des Romans wird 1871 geboren, aber nicht in Gestalt eines pummeligen, zarthäutigen Baby, sondern mit dem Aussehen eines siebzigjährigen Greises. Kein Wunder, dass der Widerspruch zwischen äußerem Schein und innerem Sein, denn der heranwachsende Max verhält sich so, wie alle anderen Jungen seines Alters auch, nur dass er eben als Zehnjähriger wie ein Sechzigjähriger ausschaut, im Alltag oftmals zu Verwicklungen führt. Und dann passiert es, dass sich der siebzehnjährige Max in die drei Jahre jüngere Nachbarstochter Alice verliebt. Ihr seine Liebe zu offenbaren geht nicht, denn Alice würde sein Geheimnis sowieso nicht glauben und so nimmtt der junge Max, der nach außen wie ein stattlicher Mann von 50 Jahren ausschaut, in Kauf, dass sich die Mutter des Mädchen in ihn verliebt, ja ihn sogar in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführt. Klar, in diesen Passagen spielt Greer mit dem Lolita-Thema, wie wir es aus Wladimir Nabokovs gleichnamigen Klassiker kennen. Aber er tut das auf so leichte, charmante und witzige Weise, dass man sich gerne weiter und weiter in die Liebessehnsüchte unseres Helden hineinziehen lässt. Und dann ist es da, der kurze Zeitraum in dem Schein und Sein bei Max Tivoli übereinstimmen und ja, er trifft Alice wieder, die vor Jahren Hals über Kopf mit ihrer Mutter die Stadt verlassen hat. Sie heiraten, bekommen ein Kind, und trennen sich. Und er trifft sie am Schluss des Romans ein zweites Mal wieder, zu einem Zeitpunkt, wo es mit ihm zu Ende geht und wo er ausschaut, als würde sein Leben erst beginnen.
Ja und dann ist da noch der erste Satz, mit dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt "Jeder von uns ist die Liebe im Leben eines anderen." Nach solch einem fulminanten Beginn ist es schwer, das Niveau zu halten und nicht ins Kitschige abzustürzen. Andrew Sean Greer ist es mit diesem Roman mit traumwandlerischer Sicherheit gelungen. Meine Leseempfehlung: unbedingt.
© Jürgen Heße, Februar 2007 |