Mein Urteil über:
Ulla Hahn: Das verborgene Wort
"Mit Schreiben und Lesen fängt eigentlich das Leben an." Mit diesen Spruch, der auf einer Wachstafel mit Schulübungen aus Mesopotamien aus dem 4. bis 5. Jahrhundert n. Chr. steht, leitet die Lyrikerin Ulla Hahn ihren Roman "Das verborgene Wort" ein. Und exakt von diesem Lebendig werden, dem Mensch werden durch Lesen und später dann durch Schreiben handelt die Geschichte, die uns Ulla Hahn erzählt.
Die Autorin nimmt den Leser mit in die enge Welt des rheinischen Dorfs Donndorf irgendwann in den fünfziger Jahren, wo die Heldin des Romans, Hildegard Palm aufwächst. Gleich zu Beginn erfahren wir, gemeinsam mit Hildegard und ihrem jüngeren Bruder, welche Welten durch Worte geschaffen werden können. Es sind die phantasievollen Erzählungen des Großvaters, der in jedem Stein, in jeder Weide, die ihnen auf ihren Sonntagsspaziergängen am Rheinufer begegnen, mal eine geheimnisvolle, mal eine abenteuerliche Geschichte herausliest.
Das proletarisch-kleinbäuerliche Milieu in dem die junge Hildegard heranwächst hat mit Lesen und Literatur herzlich wenig im Sinn, das ist nur etwas für die Oberschicht und letztendlich ein nutzloser Zeitvertreib. Doch Hildegard gelingt es, diese neue Welt, die sie mit Hilfe ihres Lehrers und des Pastors und seiner Bibliothek entdeckt, gegenüber ihrem Vater, dem die Freizeibeschäftigung seiner Tochter mehr als suspekt ist und dies auch wiederholt auf drastische Weise zeigt, zu verteidigen.
Dass Sprache nicht nur schön sein kann, sondern auch Konfliktstoff in sich birgt, erfährt Hildegard als sie, begleitet von viel Skepsis ihrer Eltern und der Verwandtschaft, auf die Realschule wechselt und dort Hochdeutsch lernt. Dass Donndorfer Platt, bis dahin vertraute Umgangssprache wird auf einmal zu etwas Minderwertigem. Doch die Versuche Hildegards auch ihre Eltern zur korrekten hochdeutschen Aussprache zu erziehen, scheitern. Und so lebt Hildegard, sprachlich gesehen, fortan in zwei Welten.
Wir begleiten die junge Hildegard auf ihren schwärmerischen Reisen durch die Literatur. Viel Herz-Schmerz-Romane liest sie, aber auch Klassiker wie Schiller, den sie glühend verehrt. Literatur wird für sie zum Fluchtmittel aus der tristen Wirklichkeit. Sie dient als Wirklichkeitsersatz und als Mittel die Realität zu erklären
Welche Macht das gesprochene Wort haben kann, erfährt Hildegard während eines Ferienjobs in der nahegelegenen Arzneimittelfabrik, in der sie am Fließband als Packerin arbeitet. Als die Arbeiterinnen aus Protest gegen die Erhöhung der Bandgeschwindigkeit in den Ausstand treten, wird die herangeeilte Werksleitung, die versucht, die Arbeiterinnen mit Moral getränkten und fadenscheinigen Argumenten zur Rückkehr an den Arbeitsplatz zu bewegen, mit frechen Slogans, die Hildegard spontan dichtet, zum Rückzug getrieben.
Von ihren Eltern ist der Lebensweg Hildegards bereits klar vorgezeichnet. Aufs Gymnasium soll die begabte Schülerin auf keinen Fall gehen, sondern, wie es so schön heißt, was anständiges lernen, und zwar Auslandskorrespondentin in einer Pappenfabrik.
Gegenüber der grauen Zukunft aus langweiligen Geschäftsbriefen und Kollegentratsch kann, die zu einer jungen Frau herangereifte Hildegard, wie es scheint auch die Welt der Literatur nicht retten. Und wir erleben, wie sich die Protagonistin in eine alkoholgetränkte Phantasiewelt flüchtet. Gerettet wird sie durch ihren ehemaligen Klassenlehrer, der gemeinsam mit dem Pastor und einem weiteren Lehrer bei ihren Eltern den Besuch des Gymnasiums durchsetzt.
Ulla Hahns Roman, der starke autobiografische Züge trägt, ist eine großartige Erzählung über die Kraft und die Schönheit der Literatur. "Du gehst in ein Buch und bist in einer anderen Welt.", sagt Hahns Protagonistin an einer Stelle. Und mit der Lektüre von "Das verborgene Wort" kann der Leser eben genau diese Erfahrung machen und eintauchen in den rheinischen Provinzialismus und der engen, begrenzten Welt der frühen fünfziger Jahre.
© Jürgen Heße, März 2005 |