Mein Urteil über:
Marlen Haushofer: Die Wand
Es biginnt ganz alltäglich. Einen Ausflug in die Berge wollen die namemlos bleibende Ich-Erzählerin und ihre Cousine Luise und deren Mann Hugo machen. Am Nachmittag, nachdem die drei in der Jagdhütte angekommen sind, müssen Luise und Hugo noch einmal ins Dorf zurück, weil sie etwas vergessen haben. Als die beiden auch am nächsten Morgen immer noch nicht zurückgekehrt sind, macht sich die Erzählerin, begleitet von dem Hund Luchs, zu Fuß auf den Weg ins Dorf und stößt plötzlich auf eine unsichtbare Wand, die das Tal vom Rest der Welt abtrennt. Dies ist die Grundkonstellation einer der seltsamsten und berührendsten Geschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Denn anders als man es erwartet, bricht die Heldin des Romans keineswegs in Verzweiflung aus, noch unternimmt sie irgendwelche Anstalten, die Mauer zu durchdringen oder unternimmt sonstige Ausbruchversuche, sondern die Wand wird rasch als unabänderliche Tatsache akzeptiert. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wer oder was diese Wand über Nacht geschaffen hat. All diese naheliegenden Dinge zu erklären und als Grundlage für die weitere Romanhandlung zu nehmen, darauf verzichtet die Autorin souverän. Stattdessen lässt sie ihre Heldin einen gut 300 Seiten langen Bericht über das Leben in und mit der Natur schreiben. Rasch werden die Haustiere, ein paar Katzen und der bereits erwähnte Hund Luchs, zu ihren Vertrauten. Eine verlassene Kuh wird gefunden und die Erzählerin bringt sich das Melken bei. Ein Kartoffelvorrat findet sich, sie legt einen kleinen Acker an, die Nahrungsveersorgung und damit das Überleben sind fürs Erste gesichert. Im Sommer zieht sie mit der Kuh, die ein paar Monate später ein Stierkalb gebiert, hinauf auf die Alm, wo die Tiere genügend Gras zum Weiden haben. Nein, außer Melken, Butter- und Käseherstellung, Kartoffeln pflanzen und ernten und hin und wieder die Jagd eines Rehs passiert nicht viel in diesem Buch. Doch Marlen Haushofer erzählt die Geschichte dieser einsamen Frau, die sich so rasch in die neuen Verhältnisse einfügt in einer solch einfühlsamen Sprache und mit einer erzählerischen Meisterschaft, dass ich dieses Buch fast in einem Rutsch durchgelesen habe.
© Jürgen Heße, Juni 2007 |