Mein Urteil über:
Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe
Dass der religiöse Fundamentalismus auch heute noch in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten eine bedeutsame Rolle spielt, wird von jedem Beobachter der amerikanischen Politik bestätigt. Insofern hat Hawthornes Romanerstling "Der scharlachrote Buchstabe" auch mehr als 250 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt.
Die Geschichte, die Hawthorne erzählt, spielt in einer kleinen puritanischen Gemeinde in der Nähe von Boston. Hier lebt seit einiger Zeit die schöne Hester Prynne, während ihr Mann, ein eigenbrötlerischer Mediziner, sich noch in Europa aufhält. Hester wird schwanger und da sie den Namen des Vaters ihrer Tochter Pearl nicht preisgeben will wird sie für einen Tag an den Pranger gestellt und muss für den Rest ihres Lebens auf ihrer Brust ein scharlachrotes, großes A tragen, für Adulteress (Ehebrecherin).
Die Handlung des Romans konzentriert sich auf vier Personen, die zugleich ein moralisches Prinzip symbolisieren. Da ist zum einen die bereits erwähnte Hester Prynne, als Verkörperung von Schuld und Sühne, ihr Geliebter, der empfindsame und grüblerische Prediger Dimmesdale, der jedoch lange Zeit zu schwach ist, um sich zu Hester und ihrer Tochter zu bekennen. Als dritte Person wäre Pearl, Hesters Tochter zu nennen, die in ihrer Schönheit und Unbefangenheit das Leben verkörpert. Und als vierter Hesters Ehemann, der in der Zwischenzeit heimlich in den USA angekommen ist und jetzt unter einem falschen Namen im Dorf lebt und der von dem Wunsch beseelt ist, sich an dem Prediger Dimmesdale zu rächen.
Die Handlung an sich läßt sich am ehesten als romantische Tragödie beschreiben und die Art und Weise, wie die vier Protagonisten miteinander agieren ist stets symbolträchtig aufgeladen. Doch Hawthorne arbeitet hier nicht, und das macht für mich die Meisterschaft dieses Romans aus, mit der großen Moralkeule, sondern bettet seine Werturteile geschickt in den Handlungsablauf ein.
Das zentrale Thema dieses Romans, das Verhältnis von Schuld und Sühne, verleiht diesem Buch etwas Zeitloses, so dass seine Lektüre auch für uns heutige Leser ein Gewinn ist.
© Jürgen Heße, Oktober 2004 |