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Mein Urteil über:
Gerhard Henschel: Die Liebenden
Gerhard Henschels Briefroman "Die Liebenden" ist nicht nur eine bewegende Liebes- und Lebensgeschichte, sondern zugleich auch eine Alltagsgeschichte der Bundesrepublik.
Auf 752 Seiten erzählt Henschel, anhand von weitgehend unbearbeiteten Originalbriefen , die Ehe- und Lebensgeschichte von Richard und Ingeborg Schlosser.
Es ist eine typische Nachkriegsgeschichte, die Henschel hier mit akribischer Genauigkeit vor uns ausbreitet.
Richard Schlosser macht nach Ende seines Maschinenbaustudiums Karriere beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. In rascher Folge bekommt das junge Paar vier Kinder und aus der lebenslustigen Fremdsprachenkorrespondentin Inge wird eine kinderreiche Hausfrau. Während der ganzen Ehejahre ist das Paar stets über lange Zeiträume hinweg getrennt. In den ersten Jahren wohnt Richard in Hannover, Ingeborg bei ihren Eltern in der Nähe von Jever, später, als bei Richard Tuberkolose diagnostiziert wird, kommt es zu längeren Sanatoriumsaufenthalten, es folgen längere Dienstreisen in die Vereinigten Staaten.
So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die zahlreichen Briefe, die sich die Ehepartner schreiben, dazu dienen, die räumliche Distanz zu überbrücken. Die Schlossers nehmen teil am wirtschaftlichen Aufschwung der fünfziger und sechziger Jahre in Gestalt immer größer werdender Eigenheime, die sie im Laufe der Zeit erwerben und wieder verkaufen. Doch spätestens als die Kinder aus dem Haus sind, zeigt sich, dass bei der Suche nach materiellem Wohlstand und Sicherheit, die Ehe der beiden auf der Strecke geblieben ist.
Richard hat sich im Laufe der Jahre zu einem verbitterten und pedantischen Eigenbrötler entwickelt und wird allmählich zum Alkoholiker, während Inge immer wieder erfolglos versucht, ihre selbstverfassten Gedichte bei einem Verlag unterzubringen. Viel zu sagen haben sich beide nichts mehr, man hat sich auseinander gelebt. Und auch die materielle Sicherheit, für die sich beide ihr ganzes Leben lang abgerackert haben, können sie nicht mehr genießen. Ingeborg stirbt 1989, mit sechzig Jahren an Krebs, Richard Schlosser nur vier Jahre später.
Es ist eine völlig unspektakuläre Geschichte, die Henschel hier erzählt. Eine Geschichte wie sie in diesem Land millionenfach erlebt wurde und wird. Und gerade diese Normalität macht für mich das Besondere an diesem Buch aus.
© Jürgen Heße, Oktober 2003 |