Mein Urteil über:
John Irving: Bis ich dich finde
Wenn John Irving ein neues Buch veröffentlicht, dann ist das für die Feuitellons in Europa und den USA stets ein berichtenswertes Ereignis. Zählt Irving doch mit seinen Romanen Garp, Das Hotel New Hampshire oder Zirkuskind zu den international erfolgreichsten Schriftstellern unserer Zeit. Und wenn es sich bei dem neuen Werk dann noch um einen Wälzer von über 1.000 Seiten handelt, der zudem, wie der Autor in unzähligen Interviews rund um die Veröffentlichung des Romans bereitwillig kundgetan hat, starke autobiografische Züge trägt, dann kann ihm das Interesse der Irving-Fangemeinde gewiss sein.
Beginnen wir unsere Besprechung mit dem schnöden Mammon. Was das Preis-Seiten-Verhältnis anbelangt, so ist Bis ich dich finde eine kalkulatorische Meisterleistung des Verlages zum Wohle des Geldbeutels der Leser. Denn wo bekommt man heute noch ein gebundenes Buch mit diesem Umfang für diesen Preis.
Und der Leser bekommt nicht nur viel Buch für's Geld, sondern, wie bei Irving üblich, eine pralle, gut erzählte Story vorgesetzt. In diesem Fall ist es die Geschichte von Jack Burns.
Jack Burns ist der Sohn von Alice und William Burns. Die Ehe zwischen den beiden jungen Leuten scheitert, da William, von Beruf Kirchenorganist, sich als Frauenheld erweist, der keinem amourösen Abenteuer aus dem Weg geht. Doch Jacks Vater ist nicht nur ein Frauenverführer sondern er hat noch eine Marotte. Er ist ein "Tintensüchtiger", sprich jemand, der sich von Hals bis Fuß tätowieren lassen will, bis jeder Quadratzentimeter seines Körpers von Tinte getränkt ist. Mit seiner Mutter Alice, die das Tätowierhandwerk von ihrem Vater erlernt hat und die im Verlauf des Romans zu einer angesehenen Meisterin ihres Fachs wird, siedelt Jack nach Kanada über.
Im Alter von vier Jahren begleitet Jack seine Mutter auf einer Reise durch Europa, weil sie ihrem Ex-Mann sein Kind zeigen will. Angaben über seinen aktuellen Aufenthaltsort besitzt sie nicht und so orientiert sie sich bei ihrer Suche nach William Burns an zwei Anhaltspunkten: seiner Tintensucht und seinem Orgelspiel. Quer durch Nordeuropa geht Alice Reise, auf der uns Irving in die Welt der Tätowierstuben einführt und uns mit den Klangkörpern der verschiedenen Kirchenorgeln, die William zwischen Helsinki und Amsterdam gespielt hat, vertraut macht. Die Suche bleibt natürlich erfolglos und Alice kehrt mit ihrem Sohn Jack nach Kanada zurück.
Wenig später beginnt für den kleinen Jack, der Ernst des Lebens, sprich er wird eingeschult und zwar auf dem Mädchencollege St. Hilda. Und hier beginnt dann auch das, was die zahlreichen Rezensenten des Buchs entweder fasziniert, gelangweilt oder schlichtweg abgestoßen hat. Der junge Jack entwickelt nämlich, unter Anleitung der um einiges älteren Emma Oastler eine eigenartige sexuelle Leidenschaft zu entwickeln: er mag es, wenn sein Penis gehalten wird. Und, ebenso wichtig, Jack entdeckt sein Talent als Schauspieler und zwar vor allem für Frauenrollen.
John Irving lässt uns teilnehmen am Heranwachsen seines Alter ego. Wir erleben Jacks Vergewaltigung, seine ersten Gehversuche auf der Ringermatte und wie er sich nach und nach, nicht zuletzt mit tatkräftiger Unterstützung seiner Freundin Emma Oastler, mit deren Mutter Alice mittlerweile zusammenlebt.
Dieser Teil des Romans, der schätzungsweise zwei Drittel des Buches ausmacht, ist Irving at his best. Pralle, unterhaltsame Erzählkunst begegnet dem Leser da, immer wieder neue, überraschende Wendungen machen das Buch in diesem Abschnitt zu einem echten page-turner.
Doch dann, im letzten Drittel, kippt das Ganze. Jacks Mutter Alice ist gestorben und nach und nach entdeckt Jack die Wahrheit über seinen Vater. Er macht sich noch einmal nach Europa auf, um seine Vater zu finden, den er schließlich in einem psychiatrischen Heim in der Schweiz begegnet.
Gerade der letzte Teil des Buches ist von vielen Rezensenten kritisch beurteilt worden und ich kann mich den Vorbehalten nur anschließen. Zu einfach, zu kitschig, zu versöhnlerisch erschien mir die Wende der Geschichte am Ausgang des Buches. Hier kommt den auch der autobiografische Charakter des Buches am stärksten zum Vorschein und sicherlich, so meine Vermutung, stellt dieser Teil des Buches auch Irvings Versuch dar, zumindest auf der fiktionalen Ebene, dem unbekannten leiblichen Vater gegenüber zu treten.
© Jürgen Heße, Mai 2006 |