Mein Urteil über:
Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten
Ich gebe zu dass ich nach 50 Seiten nahe daran war, Ishiguros Roman gelangweilt beiseite zu legen. Zu banal und spannungslos erschien mir diese Internatsgeschichte, die der Autor hier erzählte. Okay, merkwürdig war das Internat Hailsham schon, die Lehrer hießen dort Aufseher, die Jugendlichen waren quasi vollständig von der Außenwelt isoliert und andauernd war von Betreuern und Spendern die Rede. Doch bei Ishiguro kommen die entscheidenden Informationen, die dem Leser einen neuen Blick auf die soeben gelesenen Seiten eröffnen, rein zufällig, in einem Nebensatz versteckt, vor. Und die erste Information, die mich dann weiterlesen lies, war die Bemerkung, dass alle Internatszöglinge, egal ob Junge oder Mädchen, unfruchtbar seien. Und während man nun Seite um Seite weiterliest und teilnimmt an dem Internatsalltag von Kathy, Ruth und Tommy, den drei Hauptfiguren des Romans, und sich fragt, was es mit dieser Unfruchtbarkeit auf sich hat, kommt schon der zweite Wendepunkt des Romans, in dem der Leser erfährt, dass alle Bewohner des Internats Klone sind, deren einziger Daseinszweck darin besteht, als Organspender zur Verfügung zu stehen. Und wenn sie nach drei, in manchen Fällen auch nach vier Organspenden am Ende sind, dann sterben sie nicht, sondern "schließen ab."
Warum es das Klonen von Menschen gibt, wer diese Form der Menschenzüchtung verantwortet, all diese beantwortet Ishiguros Roman nicht, sondern er setzt diese Verhältnisse einfach als gegeben voraus und gerade das macht diesen Roman zusammen mit seiner, wie soll ich sagen, ruhigen, bedächtigen, ja an manchen Stellen auch pedantischen Erzählweise zu einer solch verstörenden Lektüre.
Erst am Ende des Romans kommt Ishiguro zu der entscheidenden Frage, um die es ihn in diesem Roman geht. Denn die Idylle von Hailsham, die er uns auf den vorangegangenen Seiten so einfühlsam geschildert hat, war offenbar eine Ausnahme, die plötzlich, weil die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, ihr jähes Ende findet. Denn zuvor und nun wohl auch wieder wurden die Klone unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern "gehalten", wo sie dann ihrem Verwendungszweck zugeführt wurden. Doch was passiert, wenn diese Klone plötzlich ein eigenes Leben entwickeln, wenn sie sich ineinander verlieben und anfangen von der Zukunft zu träumen. Auch bei Ruth und Tommy ist es so. Doch einem Gerücht zu Folge kann ein Paar, das nachweisen kann, dass es sich seit langem liebt, einen Aufschub vor den letzten, tödlichen Organspenden erhalten. Und so machen sich die beiden denn auf den Weg zur ehemaligen Leiterin des Hailsham-Internats, um von ihr diesen Aufschub zu erbitten.
© Jürgen Heße, April 2007 |