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Kehlmann, Daniel:
Die Vermessung der Welt
Rowolth, Reinbek
302 Seiten
19,90 Euro




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Mein Urteil über:

Daniel Kehlmann:   Die Vermessung der Welt

Welterfahrung ist Weltaneignung. Denn indem wir die Welt für uns begreifbar zu machen versuchen, unternehmen wir zugleich auch den Versuch, uns diese Welt zu eigen zu machen. Doch wie machen wir unsere Welterfahrungen? Um diese Frage kreist Daniel Kehlmanns neuer Roman "Die Vermessung der Welt", den man zwar als intellektuell-heitere Doppelbiografie zweier verschrobener Wissenschaftler lesen kann, ein Ansatz, der diesem Buch jedoch bei weitem nicht gerecht wird, wie mir scheint.

Welterfahrung, so Kehlmanns These, kann auf zweierlei Art und Weise geschehen. Zum einen durch Erfahrung, durch Empirie. Möglichst viel zu sehen, anzufassen, zu riechen, zu schmecken und die Ergebnisse dann zu ordnen, zu klassifizieren, zu systematisieren. Oder man nimmt ein Naturphänomen als Ausgangspunkt und steigt dann möglichst unmittelbar ins Reich der Abstraktion ein, um so zu erfahren, "was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält."

Mit dem Naturforscher und Südamerikareisenden Alexander von Humboldt und dem Mathematiker Karl Friedrich Gauß hat Kehlmann zwei exemplarische Protagonisten für diese beiden Zugangsweisen gefunden.

Beide, Humboldt und Gauß, stellt uns Kehlmann als ehrgeizige, ihre Ideen mit Besessenheit verfolgende Forscher vor, die zudem über einen reichen Schatz an Schrulligkeiten verfügen. Da ist zum einen der geniale Mathematiker Karl Friedrich Gauß, der an der Unwissenheit und Denklangsamkeit seiner Mitmenschen schier verzweifelt. Dem seine Kinder eine Last sind, sein Sohn Eugen wird während seines Aufenthalts in Berlin von der Polizei verhaftet und seine Tochter ist, nach den Worten ihres Bruders, so hässlich, dass sie keiner heiraten will, eine Einschätzung die Gauß durchaus plausibel erscheint. Und auf der anderen Seite Alexander von Humboldt, den gefeierten Entdecker, der mit Hingabe die Läuse auf den Köpfen südamerikanischer Eingeborener zählt, der bereits vor dem Frühstück "ein paar Versuche über die Fluktuation des Erdmagnetfelds gemacht, dann ein Memorandum über die Kosten und möglichen Nutzen einer Robbenzucht in Warnemünde diktiert, vier Briefe an zwei Akademien aufgesetzt, mit Daguerre über das offenbar unlösbare Problem der chemischen Bildfixierung auf Kupferplatten diskutiert, zwei Tassen Kaffee getrunken, sich zehn Minuten ausgeruht und drei Kapitel seines Reisewerkes mit Fußnoten zur Kordillerenflora versehen" hat.

Im Mittelteil des Buches beschreibt Kehlmann abwechselnd wichtige Stationen aus dem Leben von Humboldt und Gauß. Bei Humboldt ist dies natürlich seine berühmte Südamerikareise mit der Fahrt auf dem Orinoko, bei Gauß sind es seine Arbeiten zur Zahlentheorie, aber auch die unter seiner Leitung durchgeführte Landesvermessung des Königreichs Hannover.

Sowohl Humboldt als auch Gauß sind Visionäre und den Ideen der Aufklärung verhaftet. Während es Gauß bei seinen Zukunftsvisisionen um die konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen geht, so stellt er sich auf der quälend langen Kutschfahrt von Göttingen nach Berlin vor, wie eines Tages "Maschinen die Menschen mit der Geschwindigkeit eines abgeschossenen Projektils von Stadt zu Stadt tragen" würden, so denkt Humboldt größer, gesellschaftsbezogener, hat gleich die Fortentwicklung ganzer Volksiwirtschaften im Auge, wenn er seine Zukunftsvisionen entwirft.

In ihrem Wahrheitsdrang schrecken die beiden auch nicht davor zurück, sich selber gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Kehlmann schildert das sehr schön an einer Stelle am Ende seines Romans in der die beiden darüber diskutieren, was Wissenschaft ist.

"Projekte, schnaubte Gauß. Gerede, Pläne, Intrigen, Palaver mit zehn Fürsten und hundert Akademien, bis man irgendwo ein Barometer aufstellen dürfe. Das sei nicht Wissenschaft.

Ach, rief Humboldt, was sei Wissenschaft denn dann? Gauß sog an der Pfeife. Ein Mann allein am Schreibtisch. Ein Blatt Papier vor sich, allenfalls noch ein Fernrohr, vor dem Fenster der klare Himmel. Wenn dieser Mann nicht aufgebe, bevor er verstehe."

Das Erfreuliche an Kehlmanns Buch besteht meiner Meinung nach darin, dass es sich nur schwer einordnen lässt. Denn weder ist es ein Wissenschaftsroman, denn dazu werden die verschiedenen Probleme, mit denen sich die Helden des Romans auseinandersetzen, Zahlentheorie und Vulkanismus, nur am Rande gestreift, noch ist es eine Doppelbiografie zweier herausragender Forscherpersönlichkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts. Kehlmanns Buch ist mehr, es ist ein Neugierigmacher, ein Gedankenanreger, ein Weiterlesenbuch. Und das dem Ganzen ein mit Leichtigkeit daherkommender Humor innewohnt, das versteht sich bei solch einem hervorragenden Buch beinahe schon von selbst.


© Jürgen Heße, Januar 2006

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