Mein Urteil über:
Walter Kempowski: Letzte Grüße
Abgesehen von verschiedenen Bänden seines großen Tagebuch-Projekts "Das Echolot" hatte ich seit vielen Jahren nichts mehr von Walter Kempowski gelesen. Und so nahm ich dann die Taschenbuchausgabe seines Romans "Letzte Grüße" in die Hand und wurde nicht enttäuscht. Und wie schon bei Tadellöser und Wolff und all den anderen großen Romanen, mit denen Kempowski uns Leser in der Vergangenheit beglückt hat, ist es auch hier wieder der knappe, lakonische Schreibstil, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat.
Die Rahmenbedingungn der Geschichte, die uns Walter Kempowski in seinem Roman hier erzählt, geben im Grunde nicht viel her. Ein alter Schriftsteller, Alexander Sowtschick, der mit seinem jüngsten Roman nicht so recht voran kommt, wird von seinem Verlag auf Lesereise durch die USA geschickt. Ein willkommene Abwechslung denkt sich Kempowskis Romanheld, zumal er dabei auch noch ein bisschen was dabei verdienen kann, und macht sich auf in die Neue Welt.
Dort angekommen lässt der Autor seinen Helden, einen würdigen alten Herrn, von einer Katastrophe in die andere schlittern. Angefangen mit einer Lebensmittelvergiftung aufgrund eines verdorbenen Hamburgers, die ihn gleich zu Beginn seiner Reise für mehrere Tage ans Bett fesselt, über falsche Terminvereinbarungen bis hin zu einem kleinen amourösen Abenteuer. 37 Stationen muss er absolvieren. Sowtschik liest vor desinteressierten Studenten, frömmelnden Mormonen und gelangweilten Professoren. Seine Bücher werden kaum ausgelegt und das Interesse an ihm und seinem literarischen Werk ist weitaus geringer als er erhofft hatte. Ganz im Gegenteil zu seinem Autorenkollegen Adolf Schätzing, einem jungen Dichter und Schriftsteller aus der DDR, um den sich die literaturinteressierte Öffentlichkeit in den USA reißt und der zudem auch noch die eleganteren Unterhosen trägt.
Kempowskis Roman spielt im Jahr 1989, dem Wendejahr in dem die Ordnung des internationalen Systems, das für die meisten, wenn schon nicht für die Ewigkeit, dann aber doch für lange, lange Zeit festgefügt erschien, quasi über Nacht zusammenbrach. Und so kann man denn auch diese Lesereise von Alexander Sowtschik, einem Vertreter des "Alten Europas" par excellence, als einen letzten Gruß an die Neue Welt verstehen.
Und so ist denn dieser Roman von Walter Kempowski eine gelungene Mischung aus Ironie, Melancholie und Heiterkeit.
© Jürgen Heße, Oktober 2005 |