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Kettenbach, Hans Werner:
Kleinstadtaffäre
Diogenes, Zürich
505 Seiten
10,90 Euro




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Mein Urteil über:

Hans Werner Kettenbach:   Kleinstadtaffäre

Der Schriftsteller Hans Werner Kettenbach versteht es, mit den Erwartungen seiner Leserinnen und Leser zu spielen, sie in die Irre zu führen und auf falsche Gleise zu locken. Und auch sein 2004 erschienener Roman "Kleinstadtaffäre" lebt von dieser Spannungs- und Erzähltechnik.

Es beginnt geheimnisvoll und mysteriös: Den erfolgreichen Schriftsteller Carl Wallot verschlägt eines Tages in das Provinznest Merzthal. Hier soll er am nächsten Tag in der Stadtbücherei aus seinem neuen Roman lesen. Als er spätabends mit dem letzten Zug am Bahnhof ankommt ist weder der bestellte Wagen noch der Leiter der Bücher anwesend. Die wenigen Einwohner, die Wallot zu dieser späten Stunde noch trifft und sie nach dem Weg zum Hotel fragt, reagieren auf den Fremden mit unverhohlenem Misstrauen. Die Lesung am nächsten Tag verlief dann wie tausende andere auch und Wallot hätte nach einem Tag Pause wieder in die Großstadt abreisen können, wenn er nicht am Abend zuvor, eine Affäre mit Susanne Keppler gehabt hätte.

Susanne Keppler ist nicht irgendeine beliebige Frau, sondern die junge Gattin des Unternehmers Kurt Keppler, dem mächtigsten und einflussreichsten Mann der Stadt. Vor ein paar Jahren musste er eine Haftstrafe absitzen wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetzes - er hatte sogenannte "dual-use-Anlagen" in den Irak verkauft - und auch jetzt gibt es wieder Gerüchte, dass Kepplers Firma in Rüstungsgeschäfte verwickelt sein soll. Wallot entscheidet sich, seinen Aufenthalt in Merzthal zu verlängern, vorgeblich um aus den negativen Erfahrungen bei seiner Ankunft einen Roman zu schreiben und dafür noch weitere Recherchen zu betreiben, aber wohl auch aus dem Grunde, seine Liaison mit Susanne Keppler fortführen zu können. Und dann wird eines Tages Kurt Keppler in seinem Büro erschossen aufgefunden.

An dieser Stelle des Romans macht Kettenbach nun einen radikalen Bruch in seiner Erzählweise. Lebte der erste Teil des Romans von der sehr genauen und atmosphärisch dichten Schilderung des Lebens in einem kleinen bundesdeutschen Provinznest, so handelt der zweite Teil des Romans davon, dass Kettenbach dem Leser eine Reihe von Personen vorführt, die alle ein Motiv und die Gelegenheit gehabt hätten, Keppler zu ermorden. Dieses Spiel mit dem Legen von falschen Fährten versteht Kettenbach meisterhaft, dennoch fand ich diesen Teil des Romans bei weitem nicht so gelungen wie die ersten 200 Seiten. Und wer der Mörder war wird natürlich nicht verraten.

Mein Fazit am Ende: Ein herausragendes Buch ist "Kleinstadtaffäre" nicht. Es bietet dem Leser solide Hausmannskost und für ein paar Stunden ein schönes Lesevergnügen.


© Jürgen Heße, Juli 2006

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