Mein Urteil über:
Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten - Tagebücher 1933 - 1945
Seit ihrem Erscheinen 1995 haben die Tagebücher des am 11. Februar 1960 in Dresden verstorbenen Romanisten Viktor Klemperer Aufsehen erregt. Seine Aufzeichnungen, die der jüdische Professor für französische Literatur während der Naziherrschaft schrieb, gelten zu Recht als ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument.
Mit minuziöser Genauigkeit beschreibt Klemperer in seinen Tagebüchern die Entwicklung der Judenverfolgung im Dritten Reich, die dann in den Gaskammern von Auschwitz endete. Dabei geht es ihm nicht so sehr um die großen politischen Entscheidungen, obgleich auch die erwähnt werden. Nein, was Klemperer notiert, festhält, das sind die Veränderungen im Alltag. Bei sich und seiner Frau Eva und seinen Freunden und Kollegen.
Plastisch und eindringlich erzählt Klemperer davon, wie sich nach und nach die Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger aus dem öffentlichen Leben vollzog. Dem Verlust der Lehrerlaubnis 1935 folgte wenig später dann das Verbot für die Juden, öffentliche Büchereien zu besuchen. Zwar bemühte sich Viktor Klemperer und seine Frau Eva in die USA oder nach Großbritannien auszuwandern, Lateinamerika war für eine kurze Zeit auch im Gespräch, doch alle diese Pläne scheiterten.
1940 gab es dann den ersten entscheidenden Einschnitt. Die Wegnahme ihres kleinen Häuschen im Dölzschen, das sich das Ehepaar unter Anspannung aller finanziellen Mittel gebaut hatte, und die Zwangsumsiedlung in das Judenhaus.
Die Jahre zwischen 1940 und 1945 sind dann nur noch eine einzige Abfolge von ständiger Angst vor Deportation nach Theresienstadt und von dort ins Konzentrationslager Auschwitz, vor den ständigen Drangsalierungen und Demütigungen durch die Gestapo. Es sind Jahre in denen Klemperer in seinem am Silvesterabend notierten Jahresrückblick jedes Mal feststellt, dass es jetzt wohl nicht mehr schlimmer kommen könne. Doch jedes Jahr wird er eines Besseren belehrt.
Trotz dieser qualvollen äußeren Umstände, das Ehepaar muss in diesen Jahren wiederholt bei Freunden und Nachbarn um Essen betteln, hält Klemperer am Tagebuch schreiben fest.
Und immer wieder ist da die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Nazi-Regimes. Doch qualvoll langsam vollzieht sich der Vormarsch der Alliierten nach ihrer Landung in der Normandie .
Das Chaos nach dem verheerenden Bombenangriff der britischen Luftwaffe auf Dresden im Februar 1945 nutzt das Ehepaar Klemperer zur Flucht nach Bayern. Dort erlebt es den endgültigen Zusammenbruch des Dritten Reiches und den Einmarsch der Amerikaner.
In ihrer Verbindung aus akribischer Alltagsbeschreibung und intellektueller Reflexion stellen die Tagebücher Viktor Klemperer ein bedeutsames Werk zur Alltagsgeschichte der NS-Zeit da. Mich persönlich hat bei der Lektüre am meisten die schonungslose Offenheit beeindruckt, mit der Klemperer über sein Leben berichtet. Bemerkenswert auch seine immer wieder kehrenden Reflexionen über sein Verhältnis zum Judentum - Klemperer kann hier als durchaus beispielhaft für das assimilierte jüdische Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland angeführt werden.
Mein Fazit: Sollten Sie das Buch bislang noch nicht gelesen haben, dann kann ich Ihnen diese Lektüre nur dringend ans Herz legen.
© Jürgen Heße, September 2004 |