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Mein Urteil über:
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Zehn Jahre nach Kriegsende erschien 1955 der Debütroman von Gert Ledig "Die Stalinorgel". Von der Kritik wurde der Roman begeistert aufgenommen, doch verschwanden er und sein Autor bald in der Versenkung. Erst im Zuge der Diskussion über Luftkrieg und Literatur, die 1997 von dem Schriftsteller und Germanisten W. G. Sebald angestoßen wurde, wurde auch Ledigs Roman wiederentdeckt. Seit 2000 wird er nun, versehen mit einem ausführlichen Nachwort von Florian Radvan zu Leben und Werk von Gert Ledig, im Suhrkamp Velag, neu aufgelegt.
Mit dem literarischem Genre des Kriegsromans tue ich mich, offen gestanden, schwer. Ich habe nur wenige Romane dieser Art gelesen, erinnern kann ich mich an die Klassiker "Die Brücke" und natürlich an "Im Westen nichts Neues" von Remarque, so dass meine Vergleichsbasis zur Beurteilung der Qualität dieses Romans relativ gering ist. Dies sei erklärend vorweg geschickt.
Was mich an diesem Roman von der ersten Zeile an fasziniert hat, ist die klare, nüchterne, realistische Sprache in der Ledig schreibt. Mit einem detailgetreuen Realismus beschreibt er die Schrecken des Krieges. Da ist die Rede von abgerissenen Händen und Füßen, Granatsplitter und Gewehrkugeln zerfetzen Körper, es wird im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen. Doch all das Grauen, das Ledig hier schildert, dient an keiner Stelle der puren Effekthascherei. Er beschreibt nur, wie es gewesen ist.
Die eigentliche Radikalität von Ledigs Buch liegt für mich darin, dass er beide Parteien, der Roman handelt von dem erbitterten Kampf einer deutschen und russischen Einheit um eine namenlose Höhe bei Leningrad, als absolut gleichwertig betrachtet. Und im Gegensatz zu vielen anderen Romanen dieser Gattung verzichtet Ledig konsequent darauf, dem Leser in Gestalt einer oder mehrerer handelnder Personen eine moralische oder politische Botschaft mitzugeben. Nein, er beschreibt nur was ist.
Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Personen des Romans nur mit ihrem militärischen Dienstgrad benannt, der Feldwebel, der Kommandant, der Unteroffizier, der Melder. Das schafft eine Distanz zu den Figuren, die gut zu der realistisch-nüchternen Sprache des Romans passt.
Eindrucksvoll schildert Ledig die Auflösung jeglicher Ordnung, den Kampf ums pure Überleben, die verzweifelte Hoffnung, dem Grauen der Granatangriffe durch Flucht in die russische bzw deutsche Gefangenschaft zu entgehen.
Meine Empfehlung: unbedingt lesen.
© Jürgen Heße, Mai 2004 |