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Mein Urteil über:
Chang-raeLee: Turbulenzen
Man nehme eine Großelternpaar, am besten aus Irland oder Italien, das Ende des 19. Jahrhunderts in die Staaten eingewandert ist. Beide hart arbeitend, der Mann zudem ein gerissenes Schlitzohr, gelegentlich ein Frauenheld, bringen es zu bescheidenem Wohlstand, setzen ein paar Kinder in die Welt, die wiederum ihren Eltern nacheifern und das Vermögen der Familie weiter mehren, welches die dritte Generation dann bei riskanten Börsen- oder anderen Geschäften verschleudert, füge noch die eine oder andere Anekdote hinzu, ein bißchen Nachdenklickeit zur aktuellen Weltlage in den letzten zwanzig Jahren und schon hat man einen weiteren amerikanischen Familienroman a la Jonathan Franzen oder Stewart O'Nan geschrieben.
Und Chang-rae Lee hat sich exakt an dieses Rezept gehalten. Die Familiengeschichte der Battles, die Jerry Battle, Angehöriger der zweiten Generation, hier aus seiner Perspektive erzählt, liest sich amüsant und unterhaltsam, bietet dem Leser, der mit diesem Genre etwas vertraut ist, aber wenig Überraschendes.
Jerry Battle ist ein sympathischer Egoist, der sich am wohlsten fühlt, wenn er mit seinem kleinen zweimotorigen Flugzeug am Himmel seine Runden drehen kann. Den Tod seiner Frau Daisy hat er immer noch nicht überwunden. Und nun hat ihn auch noch seine Freundin Rita sitzen gelassen und sich in den reichen Anwalt Richie verliebt. Und während Jerry, der, weil er sich allein zu Hause langweilt, gelegentlich in einem Reisebüro jobt, immer neue Versuche unternimmt, Rita zurück zu erobern, ist sein Sohn Paul dabei, aus der Familienfirma, einer kleinen Landschaftsgärtnerei, ein landesweit operierendes Unternehmen zu machen. Was natürlich gründlich schiefgeht.
Derweil ist seine Tochter Theresa an Krebs erkrankt, weigert sich aber, sich einer lebensrettenden Chemotherapie zu unterziehen, weil sie damit das Leben ihres ungeborenen Kindes gefährden würde.
Und weil es damit noch nicht genug ist an Aufregungen, flüchtet der Familienpatriarch Hank Battle aus dem luxuriösen Altersheim, in dem er seit ein paar Jahren sein Dasein fristet.
Am Ende des Buches kommt es dann zum großen Knall. Pauls Firma geht Pleite, seine luxuriöse Villa vermieten und zieht mit seiner Familie bei seinem Vater Jerry ein, Theresa stirbt bei der Geburt ihres Kindes und auch der alte Hank Battle zieht in Jerrys geräumiges Haus.
Und am Ende des Romans weiß der Leser wieder einmal, dass halt nichts über die traditionellen (amerikanischen) Familienwerte geht.
© Jürgen Heße, Juni 2005 |