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Mein Urteil über:
Dona Leon: Die dunkle Stunde der Serenissima
Seit die in Venedig lebende Amerikanerin Dona Leon 1993 mit ihrem Kriminalroman "Venezianisches Finale" debütierte hat sie regelmäßig Jahr für Jahr eine weitere Geschichte mit ihrem sympathischen Helden, Commissario Guido Brunetti, vorgelegt und sich in Deutschland einen treuen Fanclub erobert. Mittlerweile liegt seit ein paar Monaten der zwölfte Band, "Die dunkle Stunde der Serenissima" in der Taschenbuchausgabe vor.
Wie auch bei seinen Vorgängern spielt die eigentliche Krimihandlung auch in diesem Roman nur eine untergeordnete Rolle. Ja, sie tritt noch stärker in den Hintergrund als bei den anderen Brunetti-Romanen. Und vielleicht sollte man die künftigen Romane dieser Reihe auch nicht mehr vorrangig als Kriminalromane lesen, sondern als literarische Kommentare zur inneren Verfassung Italiens seit 1945.
Vergangenheitsbewältigung ist das eigentliche Thema des Romans. Claudia Leonardo, eine junge Studentin spricht Brunettis Frau, Paola eines Tages nach der Vorlesung an und bittet um die Hilfe ihres Mannes. Ihr Großvater ist nach Kriegsende zu Unrecht verurteilt worden und jetzt möchte sie seinen untadeligen Ruf wieder herstellen. Im Gespräch mit Brunetti gibt sich Claudia jedoch reichlich zugeknöpft und hält sich mit konkreten Angaben über ihren Großvater und was ihm damals zur Last gelegt wurde, zurück. Und dann wird sie erstochen in ihrer Wohnung gefunden.
Und schon bald wird für Commissario Brunetti klar, dass die Lösung des Falles in der Vergangenheit zu suchen ist. Er begegnet der geheimnisvollen Hedwig Jacob,der sogenannten Großmutter von Claudia, einer achtzigjährigen Österreicherin, die völlig zurückgezogen in einer Wohnung lebt, die voll mit den erlesensten Kunstschätzen ist. Und mit Hilfe seiner Mitarbeiter Signorina Elettra und dem Inspettore Vianello dröselt Brunetti diesen komplizierten Fall auf.
Es geht um den Verkauf von Kunstsammlungen als Mussolini Italien regierte. Viele Bürger Venedigs waren damals gezwungen ihre wertvollen Kunstsammlungen zu einem Spottpreis, weit unter ihrem tatsächlichen Wert, an betrügerische Agenten zu verkaufen, um genügend Geld für die Ausreise nach England oder in die USA zusammen zu bekommen. Und in dieses Geschäft war auch Claudias Großvater verwickelt. Und auch jetzt gibt es noch genügend Menschen, die wissen, mit welchen Methoden einige angesehene Familien der Stadt mit dem faschistischen Regime kollaborierten.
Die Auflösung des Falles, der Mörder und sein Tatmotiv haben, wie üblich bei Dona Leon, nur wenig mit dem eigentlichen Thema des Buches zu tun. Eingefleischte Krimileser mögen das bedauern, für mich zählt "Die dunkle Stunde der Serenissima" zu den bislang besten Romanen Dona Leons.
© Jürgen Heße, Januar 2005 |