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Mein Urteil über:
Dona Leon: Verschwiegene Kanäle
Donna Leons zwölfter Brunetti-Krimi "Verschwiegene Kanäle" ist ein grauenhaft schlechtes Buch. Das Mordmotiv blieb für mich völlig undurchschaubar, die Romanfiguren sind platt und oberflächlich und Spannung tauchte an keiner Stelle des Buches auf.
Was mich am meisten an diesem Roman ärgerte, war die Tatsache, dass bei der zentralen Figur der Serie, Commissario Brunetti, keinerlei Entwicklung festzustellen ist. Nach zwölf Jahren in denen wir ihn bei seiner Arbeit über die Schulter schauen dürfen, ist er immer noch zu doof um einen PC zu bedienen, liefert sich tagein, tagaus die immer gleichen Machtscharmützel mit Vize-Questore Patta und seine polizeilichen Ermittlungen bestehen in der Regel darin, dass er durch Venedig stapft, um sich mit dem Freund eines Freundes, in der Regel einer der noch übriggebliebenen kritischen Journalisten, über die Hintermänner des zu untersuchenden Mordfalles und ihre Motive zu unterhalten. Und wenn diese Gespräche dann geführt sind, meistens ohne greifbares Ergebnis, dann geht's in eine Bar, wo man rasch einen oder zwei ombretta nebst ein paar tramezzini zu sich nimmt, bevor es dann nach Hause geht, wo die treusorgende Ehefrau Paola, es jeden Tag aufs neue schafft, neben ihrem Job als Universitätsdozentin für Englische Literatur, ihrer Familie ein dreigängiges Menü auf den Tisch zu stellen.
Und was ist nun mit dem Mord in diesem Krimi, werden Sie fragen. Ach ja, der Mord. Diesmal hat es einen fünfzehnjährigen Jungen erwischt, Schüler einer Kadettenanstalt auf der Giudecca, der in den Duschräumen erhängt gefunden wird. Alles schaut nach Selbstmord aus, bis dann Gerüchte über homosexuelle Neigungen des Jungen auftauchen. Doch der eigentliche Hintergrund der Tat ist ein Untersuchungsbericht, den der Vater des Jungen, ein Rechtsanwalt und ehemaliger Parlamentsabgeordneter, zu irgendeinem Umweltskandal erstellt hat und dessen Ergebnisse einigen mächtigen Herrschaften nicht in den Kram passte. Ja, und warum bringt man dann den Jungen um und nicht den Vater, werden Sie sich fragen. Genau diese Frage hätte ich mir bei der Lektüre zweifelsohne auch gestellt, wenn ich zwischendurch nicht immer eingenickt wäre.
© Jürgen Heße, Mai 2006 |