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Mein Urteil über:
Davide Longo: Der Steingänger
Schließen wir für einen kurzen Moment die Augen und stellen uns vor, es würde uns in ein kleines, abgelegenes Bergdorf in den piemontesischen Alpen, irgendwo im italienisch-französischen Grenzgebiet gelegen, verschlagen. Sicher würde es lange Zeit dauern, bis wir wirklich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden würden und eine Reihe von Geschichten, Familientragödien und Schicksalen werden wir wohl nie erfahren. Genauso spröde und abweisend, wie sich das karge Land und seine Bewohner dem Fremden wohl präsentieren mögen, erweist sich zunächst der Roman "Der Steingänger" von Davide Longo.
Es beginnt mit einem idyllischen Bild: Cesare, ein ehemaliger Schleuser von illegalen Einwanderern, der seit fünfzehn Jahren um den Tod seiner Frau Adele trauert, macht sich am Abend noch einmal auf, um die verstopfte Wasserleitung zu seinem Haus zu reparieren. Oben im Berg, in einem Wasserbasin findet er Fausto, seinen Nachfolger im Schleusergeschäft und zugleich sein bester Freund und Patenkind, der mit zwei Schüssen ermordet wurde.
Über das Tatmotiv und wer der Mörder sein könnte, darüber läßt der Autor den Leser lange Zeit im Unklaren, ja, ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass diese Frage für ihn nur von zweitrangigem Interesse ist. Stattdessen entwirft er eine feinziseliertes Miniatur dieses abgelegenen Bergdorfes, in dem nur die Alten zurückgeblieben sind, während die Jungen in die Städte abgewandert sind. Schweigen ist die oberste Pflicht und auch die junge Kommissarin, die mit der Untersuchung des Falles beauftragt ist, scheint nicht so recht voran zu kommen.
Erst nach und nach, in vielen kleinen Mosaiksteinchen erfährt der Leser die wahren Hintergründe der Mordtat. Und wie immer in solchen Geschichten geht es um Ehre und Verrat, um die Frage, wie belastbar eine Freundschaft ist und was man tun kann, um den Tod des Freundes zu rächen, ohne zu gleich, die ehernen Gesetze der Tradition zu brechen.
Das Faszinierende an Longos Roman ist seine klare, nüchterne Sprache. Sie ist genauso spröde und abweisend wie die Bergwelt in der der Roman spielt. Gekonnt verknüpft Longo die verschiedenen Zeitebenen, schildert uns die Lebensgeschichte des "Steingängers" Cesare, führt mit dem Bauernjungen Sergio eine zweite Hauptfigur und lässt die verschiedenen Handlungsfäden in einem fulminanten Schluss gekonnt zusammen laufen.
Mein Fazit: Wer eine schöne ruhige Geschichte liebt und bereit ist, sich auf das Buch einzulassen, dem kann ich den Roman "Der Steingänger" wärmstens empfehlen.
© Jürgen Heße, Mai 2007 |