Mein Urteil über:
Eva Menasse: Vienna
"Mein Vater war eine Sturzgeburt." Mit diesem furiosen Einleitungssatz beginnt die Journalistin Eva Menasse ihren Debütroman über das Schicksal einer jüdischen Familie in Österreich. Aber um es gleich vorweg zu sagen, so richtig warm bin ich mit diesem Buch nicht geworden. Woran hat es gelegen?
Zum einen sicherlich daran, dass die Autorin, die Erwartungshaltung, die sie beim Leser mit ihrem ersten Satz aufgebaut hat, nicht erfüllen konnte. Mag sein, dass dies Berechnung gewesen ist, es kann aber auch sein, dass sie es einfach nicht geschafft, die verschiedenen Charaktere in ihrem Buch vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Und diese Distanz die sich da zwischen Buch und Leser aufbaut, hat ihre Ursache in der Erzählweise der Autorin. Alle wichtigen Figuren des Romans werden beinahe durchgängig nur mit ihren Verwandtschaftsbezeichnungen zu der Ich-Erzählerin benannt: der Großvater, der Onkel, die Großmutter, der Vater etc. Und bei den komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen ist es dann schon manchmal recht schwer, zu wissen, wer da gerade mit wem redet.
Eva Menasses Roman basiert, nach eigenen Angaben der Autorin, auf ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihren Vater verschlägt es auf der Flucht vor den Nazis nach England, wo er Fußballer wird, und später, nach Kriegsende, in der österreichischen Nationalmannschaft Karriere macht. Ihr Onkel darf nicht in Europa als Soldat der britischen Armee gegen die Nazis kämpfen, sondern muss sich im Dschungel Burmas gegen die Japaner behaupten. Und ihre Tante Katzi stirbt in Kanada an Krebs.
Ein Roman über eine jüdische Familie in der 20. Jahrhundert ist ohne das Thema Holocaust nicht vorstellbar. Doch in "Vienna" spielt er so gut wie keine Rolle, sieht man einmal von den anekdotischen Bemerkungen des Kaffeekränzchens der Großmutter über die Zeit im Ghetto Theresienstadt ab. Spannend und interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Passagen am Ende des Romans in denen sich die Autorin mit den Grundlagen der jüdischen Identität nach 1945 auseinandersetzt.
© Jürgen Heße, Juli 2005 |