|
Mein Urteil über:
Adolf Muschg: Sutters Glück
Adolf Muschg erzählt in seinem Roman die Geschichte des ehemaligen Gerichtsreporter Emil Gygax, der von seiner Frau und seinen Freunden jedoch nur Sutter genannt wird. Formal hat Muschg seinen Roman in drei Teile gegliedert.
Der erste Teil "Die Warnung"beginnt wie eine Kriminalgeschichte. Sutter hat sich nach dem Selbstmord seiner an Darmkrebs erkrankten Frau Ruth, die sich in einem See in der Nähe von Sils Maria ertränkte, völlig von der Welt zurück gezogen. Seine Zeit verbringt er mit Erinnerungen an seine geliebte Frau, der Versorgung der Katze, hier gelingen Muschg sehr schöne und einfühlsame Beschreibungen, und dem zwanghaften Lesen von Kriminalromanen. Telefonanrufe nimmt er nicht an, was seine wenigen Freunde wissen und respektieren. Um so überraschter ist er als eines Abends, das Telefon läutet. Sutter nimmt nicht ab, in den darauf folgenden Wochen wiederholt sich dieser Anruf jeden Abend um genau die gleiche Zeit. Genau bis zu dem Tag als Sutter während eines Spazierganges angeschossen und mit einem Lungenschuß ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Im zweiten Romanteil, den Muschg mit "Gespenster" überschrieben hat, sinniert Sutter darüber nach, wer ihm nach dem Leben trachtet. In einem für mein Empfinden sehr kruden ethnografischen Exkurs flicht Muschg hier die Geschichte eines Kriminalfalles ein, über den Sutter einst berichtet hatte und in dem, so Sutters Vermutung, seine Reportage den Ausgang des Verfahrens beeinflußt und einen Anwalt blamiert hat.
Es ging damals um den Fall der Kalmückin Yalukha H., die ihren Mann Heinz, einen ehemaligen DDR - Bürger getötet hatte. Yalukha hatte sich von dem Maler Jörg von Ballmoos, mit dem Sutter und seine Frau weitläufig befreundet waren, porträtieren lassen. Und ganz wie es dem Klischee vom Maler und seinem attraktiven Modell entspricht, verführt der Künstler sein Modell, nennt sie wenn sie zusammen sind"meine kleine Frau". Da nun unter den Kalmücken die Vielehe üblich sei, Yalukha wusste, dass von Ballmoos mit der Psychotherapeutin Eleonore (Leo) verheiratet war, sei sie, Yalukha, die Beziehung zu ihrem Porträtisten eingegangen. Und welches Motiv hatte Yalukha H. nun, ihren Mann zu täten? Sutter zufolge hatte Yalukha H. mit ihrer Beziehung zu von Ballmoos einen tödlichen Schlag gegen die Würde und Selbstachtung ihres Ehemannes geführt und bevor er nun beides endgültig verlor, führte sie diesen Schlag tatsächlich selber aus.
Im weiteren Verlauf der Romanhandlung zeigt sich, dass Sutter nicht nur durch den Prozess mit dem Künstler von Ballmoos und seiner Frau Eleonore - beide trennten sich nach dem Ende des Verfahrens- verbunden war. Sutter hatte seine Frau Ruth mit Eleonore betrogen und später, am Ende des Romans erfahren wir, dass Jörn von Ballmoos mit Ruth geschlafen hat. Welche dieser Personen aber nun ein Motiv hatte, auf Sutter zu schießen, erfährt der Leser nicht.
Der dritte Teil "Im Hochtal" gleitet dann, so mein Eindruck, ins Irreale ab. Nach seiner Genesung macht sich Sutter auf nach Sils Maria, um die Asche seiner Frau auf dem See zu verstreuen, in dem sie sich damals ertränkt hat. In seinem Gepäck befinden sich auch die Steine, mit denen sich damals seine Frau beschwert hatte. Auf seiner Fahrt nach Sils Maria begegnet Sutter dem Mädchen Viola, von dem sich dann heraus stellt, dass es die Tochter von Yalukha und dem Maler von Ballmoos ist. Es kommt zu einer letzten Begegnung zwischen Sutter, von Ballmoos und seiner Frau Yalukha. Am nächsten Morgen rudert Sutter auf den See hinaus, verstreut die Asche seiner Frau und verübt dann Selbstmord. Viola, die auf dem See am surfen ist und ein Fischer, versuchen vergeblich ihn zu retten.
Mir hat dieser Roman nicht sonderlich gut gefallen. Viele Handlungsstränge, man nehme nur den versuchten Mord an Sutter, laufen einfach ins Leere und auch die Beziehungen der einzelnen Personen erschienen mir oft als konstruiert und willkürlich. Offen bleibt auch, worin denn nun letztendlich Sutters Glück bestand. War es die Ehe mit seiner Frau oder war es der Selbstmord Sutters. "Es kommt darauf an, ausgelitten zu haben. Alles vorher ist nicht schön.", schreibt Muschg am Ende seines Buches.
© Jürgen Heße, November 2003 |