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Pinol, Albert Sanchez:
Im Rausch der Stille
S. Fischer Verlag, Frankfurt
252 Seiten
18,90 Euro

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Mein Urteil über:

Albert Sanchez Pinol:   Im Rausch der Stille

Was für ein Debüt! Lange ist es her, dass mich ein Roman so gefesselt, so fasziniert hat, wie der Erstlingsroman des Spaniers A. S. Pinol.

Mit wenigen Sätzen entführt uns der Autor am Anfang des Romans in eine unwirkliche Szenerie: Der namenlos bleibende Erzähler, ein ehemaliger irischer Freiheitskämpfer, verschlägt es auf eine winzig kleine Insel, irgendwo im Südatlantik, fernab aller Schifffahrtsrouten. Hier soll er für ein Jahr Aufzeichnungen über das Wetter und andere naturkundliche Beobachtungen machen. Ausgestattet mit dem nötigen Proviant und genügend Lektürestoff betritt er mit dem Kapitän seines Schiffes die Insel, um seinen Vorgänger auf der Wetterbeobachtungsstation abzulösen. Doch dieser ist offenbar spurlos verschwunden und auch das Haus ist offenkundig geplündert worden. Die einzige Person, die sie antreffen, ist der vierschrötige, heruntergekommene Leuchtturmwärter Batis Caffò. Der Erzähler schlägt jedoch das Angebot des Kapitäns, ihn wieder mit auf sein Schiff zu nehmen, aus und entscheidet sich, auf der Insel zu bleiben. Und jetzt beginnt der Horror.

Denn Nacht für Nacht wird die Insel von Ungeheuern aus dem Meer heimgesucht, die anscheinend nur ein Ziel kennen: die beiden Bewohner zu vernichten. Die ersten drei Nächte gelingt es dem Erzähler, den Ungeheuern in der Wetterbeobachtungsstation standzuhalten. Dann flüchtet er zu Caffò in den Leuchtturm, von wo aus die beiden Männer den Kampf gegen die Ungeheuer aufnehmen. Doch je stärker sie in ihrem Kampfmitteln aufrüsten, irgendwann besorgen sie sich von einem vor der Insel gesunkenem Schiff so viel Dynamit, um damit die ganze Insel in die Luft zu jagen, dämmert dem Erzähler die Erkenntnis, dass sie, allein mit den Mitteln der Gewalt und Vernichtung, früher oder später dem Untergang geweiht sind.

Diesen Meinungsumschwung verdankt der Erzähler dem Zusammensein mit dem "Maskottchen", einem weiblichen Mitglied der unheimlichen Meereswesen, das Caffò irgendwann einmal hilflos am Strand gefunden hat und die ihm jetzt zur Befriedigung seiner sexuellen Gelüste dient. Auch der Erzähler schläft eines Tages mit diesem Wesen und dieser Akt wird für ihn zu einer tiefgreifenden Erfahrung, die ihn verändert zurücklässt.

"Ich hatte einen rohen, heftigen, kurzen Beischlaf erwartet. Stattdessen betrat ich eine Oase. Anfangs ließ mich die Eiseskälte ihrer Haut erschauern. Doch in der Berührung passten sich unsere Temperaturen bis zu einem gewissen Grad einander an, so dass Begriffe wie Kälte oder Wärme nichts mehr bedeuteten. Ihr Körper war ein lebendiger Schwamm, er verströmte Opium und setzte mein Menschsein außer Kraft. (...) Da trieb man es mit diesem Ding, diesem namenlosen Maskottchen, und es wurde einem eine groteske Wahrheit enthüllt, transzendent und kindisch zugleich: Europa weiß nicht, dass es in der immer währenden Kastration lebt. (...) Sie reduzierte die Körper auf einen einzigartigen, eigentlichen Aspekt, und je tierischer sie bei dieser Tätigkeit war, desto mehr Lust verschaffte sie mir. Eine rein physische Lust, die ich nicht kannte."

Im Laufe der Zeit entfremden sich die ungleichen Kampfgefährten immer mehr voneinander. Der Vorschlag des Erzählers, angesichts ihrer ausweglosen Lage, sich mit den unheimlichen Meereswesen zu verständigen, die er jetzt als intelligente Lebewesen betrachtet, wird von Caffò brüsk zurückgewiesen.

Und dann erscheint eines Morgens, nach einem heftigen nächtlichen Kampf gegen eine riesige Anzahl von Meereswesen, bei dem Caffò getötet wird, das langersehnte Schiff mit dem neuen Wetterbeobachter. Doch von der überraschenden Wende der Geschichte soll hier nichts verraten werden.

Das Faszinierende an Pinols Buch war für mich, wie gekonnt er die verschiedenen Genres miteinander verwebt. Die Meeresungeheuer, die für den Leser eine amorphe Masse bleiben, erinnern an die Schreckensgestalten eines H. P. Lovecraft, ihre Fremdheit und die Unmöglichkeit zu einer Verständigung mit ihnen zu gelangen, ähnelt Science-Fiction-Geschichten, wie Eden von Stanislaw Lem. Beeindruckt hat mich auch die einfühlsame Sprache und die wechselnden Sprachtempi. Szenen voll von atemloser Spannung, in denen man Seite um Seite verschlingt, wechseln sich ab mit Passagen voller Nachdenklichkeit.

                ©Jürgen Heße, Juli 2006

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