Mein Urteil über:
Richard Powers: Das Echo der Erinnerung
Wer sind wir? Diese Frage nach dem Wesen des Menschen, den Grundbedingungen menschlichen Seins, beschäftigt, neben Philosophen und Psychoanalytikern, vor allem die neuere Hirnforschung. Und genau diese ist der eigentliche "Held" in Richard Powers neuem Roman "Das Echo der Erinnerung".
Darin erzählt uns der Autor die Geschichte des jungen Technikers Mark Schluter, der eines Nachts mit seinem tonnenschweren Truck schwer verunglückt. Mit knapper Not kann er gerettet werden, doch als er aus dem Koma erwacht, muss seine Schwester Karin feststellen, dass ihr Bruder sie für eine fast perfekte Kopie seiner Schwester hält, die von einer feindlichen Organisation zu ihm gesandt wurde, um ihn auszuspionieren, während die echte Karin an einem geheimen Ort gefangen gehalten wird. Karin, die anfangs noch glaubt, dass es sich hierbei um eine vorübergehende geistige Verwirrung ihres Bruders handelt, muss jedoch erkennen, dass ihr Bruder sich nicht von seiner Meinung abbringen lässt. In ihrer Not wendet sie sich an den Hirnforscher Gerald Weber, der sich seit langem auf das Verfassen populärwissenschaftlicher Bücher zu diesem Thema verlegt hat. Weber erkennt rasch, das Mark Schluter an dem sogenannten Capgrass-Symptom leidet. Zwar gelingt es Weber rasch, das Vertrauen von Mark Schluter zu gewinnen, doch die von ihm vorgeschlagenen Therapien erweisen sich als wirkungslos, ja führen sogar zu einem Selbstmordversuch des Klienten. In Gestalt des Wissenschaftlers Weber, der, während er sich mit dem Fall Schluter beschäftigt, in eine tiefe Identitäts- und Ehekrise gerät, fasst Powers den neuesten Stand der Hirnforschung zusammen.
Man merkt diesen Passagen an, dass sich Powers hier durch Berge von Fachliteratur gelesen haben muss, denn an manchen Stellen ähnelt das Buch eher einer wissenschaftlichen Einführung in das Thema als einem belletristischen Roman. Die Kontrastfolie zu den Erkenntnissen der Neurowissenschaft liefert ein archaisches Ereignis, das Powers immer wieder geschickt in die Haupthandlung des Romans einflicht. Denn seit Millionen Jahren findet in Kearney, einem kleinen Ort in Nebraska, am Platte-River gelegen, ein einzigartiges Naturschauspiel statt. Jedes Jahr im Frühjahr machen hier hunderttausende von Kranichen auf ihren Weg in den Norden Rast. Die Erinnerung an diesen Ort und den Weg dorthin ist den Vögeln quasi genetisch vorgegeben. Und auch Richard Powers entlässt am Ende seines Romans den Leser mit der Erkenntnis, dass unser Ich, also wie wir uns und die uns umgebende Welt wahrnehmen, hirnphysiologisch betrachtet, auf recht wackeligen Beinen steht und die stabilsten Teile unseres Hirns die ältesten sind.
Mit "Das Echo der Erinnerung" ist Powers ein Roman gelungen, der ein schwieriges wissenschaftliches Thema auch für den Laien verständlich darstellt. Einige Passagen mögen zwar zu lang, vielleicht für den Fortgang der Romanhandlung überflüssig sein, gleichwohl war das Buch für mich ein echter page-turner, das mich bis zur letzten Seite gefesselt hat. Doch ein Manko will ich am Ende nicht verschweigen: Es fehlt ein Glossar der wissenschaftlichen Fachbegriffe, denn wer weiß schon auf Anhieb zu sagen, was ein Corpus callosum ist, welche Bedeutung Synapsen haben oder an was ein Kommissurotomie-Patient leidet.
©Jürgen Heße, Februar 2007 |