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Ransmayr, Christoph:
Der fliegende Berg
S. Fischer Verlag, Frankfurt
359
19,90 Euro

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Mein Urteil über:

Christoph Ransmayr:   Der fliegende Berg
Elf Jahre musste die Leserschaft auf den neuen Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr warten und nach seinen großen Erfolgen wie "Die letzte Welt" oder "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" war die Erwartungshaltung des Publikums entsprechend hoch. Und um es gleich vorweg zu sagen, zuumindest bei mir wurde sie nicht enttäuscht.

Wenn man über Ransmayrs neuen Roman schreibt, kommt man nicht umhin über die äußere Gestalt seines Werkes zu sprechen. Denn Ransmayr durchbricht einen ehernen Grundsatz der Buchgestaltung der letzten Jahrzehnte, die bei der Prosaliteratur nur noch den Blocksatz kennt, und hat seinen Text im sogenannten Flattersatz veröffentlicht. Das ist im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürfttig, fragt sich der blocksatzgewöhnte Leser doch insgeheim, ob er nicht doch einen Lyrikband in der Hand hält, doch spätestens nach der dritten Seite hatte ich mich an die neue Form gewöhnt und empfand sie beim Lesen des Textes als ungemein wohltuend. Die Augen verschlangen nicht mehr Zeile um Zeile, sondern durch die Struktierung des Textes in einzelne Strophen erhielt plötzlich jeder Satz seine ureigene Bedeutung und man hatte Zeit, die Lektüre immer wieder für einen Moment zu unterbrechen, um das soeben Gelesene in sich nachklingen zu lassen.

Ransmyrs Roman erzählt die Geschichte zweier Brüder, Liam und Patrick, die sich von der Südküste Irlands in den Transhimalaya aufmachen, um dort im Lande Kham einen noch unbekannten, namenlosen Berg zu besteigen, dem die Nomaden den geheimnisvollen Namen Phur-Ri, der fliegenden Berg gegeben haben. Beim Abstieg vom Gipfel kommt Liam, der ältere der beiden Brüder um, nur Patrick überlebt mit knapper Not und wird von Nomaden gerettet.

Der fliegende Berg ist vor allem eine Brüdergeschichte und auch Ransmayr folgt hier den Gesetzen dieses literarischen Genres. Liam ist der ältere, der stärkere, schlauere und ausdauernde, er wird vom Vater als sein Nachfolger angesehen, während Patrick derjenige ist, der immer an zweiter Stelle steht, der Angst hat und oftmals die strapaziösen Wandertouren, die die beiden Brüder in ihrer Jugend gemeinsam mit ihrem Vater unternehmen, nur unter größten Anstrengungen übersteht. Und so folgt Patrick seinem Bruder nur widerwillig in die lebensfeindliche Welt des Hochgebirges und als sie dort einen kleineren Gipfel von gut 6.000 Metern Höhe ersteigen, ist für Patrick eigentlich das Ziel der Expedition erreicht. Zumal er sich auch in die junge Nomadin Nyema, mit derem Clan sie ins Gebirge gezogen sind, verliebt hat. Eines Tages macht sich dann Liam allein auf den Weg, um die optimale Aufstiegsroute zum Phur-Ri zu erkunden. Als Patrick davon erfährt, macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder und stürzt dabei in eine Gletscherspalte

    "Liam! brüllte ich zum unerreichbaren Rand meiner Kluft
    und meinem schmalen Himmel empor,
    in dem sich die Wolkenschiffe ineinander
    zu verkeilen begannen und eine weiße Flotte
    sich vor einer dunkleren staute,
    als drängte der Troposphärenwind
    sie in Schlachtformation
    Liam! hier bin ich,
    hier unten, Liam, hier!


    Aber das Glück war nur ein Wort,
    nur eine Stimme in meinem dröhnenden Schädel,
    selbst der Atem meines Bruders, eingesogen
    durch die vor Schmerz aufeinandergepreßten Zähne,
    nur eine Erinnerung: Kein Liam. Kein Bruder."

Patrick gelingt es, sich selbst aus der Gletscherspalte zu befreien und aus eigener Kraft zum Lager der Nomaden zurückzukehren, wo ihn sein Bruder, der einen ganz anderen und natürlich viel einfacheren Weg wie Patrick gewählt hatte, bereits erwartet. Schließlich machen Liam und Patrick auf den Weg zum Phur-Ri. Beim Aufstieg zum Gipfel erkrankt Patrick schwer und wird von seinem Bruder gesund gepflegt. Patrick spürt, dass er, wenn er jetzt seinem Bruder bitten würde, umzukehren, Liam ihm diesen Wunsch erfüllen würde. Doch er äußert diesen Wunsch nicht, signalisiert im Gegenteil Liam, dass wieder vollständig genesen sei und so machen sich dann die beiden jungen Männer auf, den Gipfel des fliegenden Berges zu ersteigen, wo dann die Katastrophe passiert.

Christoph Ransmayr ist mit "Der fliegende Berg" ein Roman geglückt, dem man mit Fug und Recht das Etikett zeitlos anhängen kann. Ohne sich um die aktuellen Feuilletondebatten zu kümmern, hat er einfach seine Geschichte erzählt und das mit großer sprachlicher Meisterschaft.

                ©Jürgen Heße, Dezember 2006

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