Mein Urteil über:
Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand
Brigitte Reimanns unvollendeter Roman "Franziska Linkerhand" der 1974, ein Jahr nach dem Tod der Autorin, veröffentlicht wurde, erlangte in den darauf folgenden Jahren vor allem in der DDR rasch den Status eines Kultbuches.
In ihrem Roman, der starke autobiografische Züge trägt, erzählt Brigitte Reimann die Geschichte der jungen Architektin Franziska Linkerhand. Diese nimmt nach Abschluss ihres Architekturstudiums eine Stelle in der Provinz, in Neustadt an, um dort beim Aufbau der schnell wachsenden Stadt mitzuwirken. Voller Enthusiasmus will sie dort ihre Ideen eines modernen, menschenfreundlichen Wohnungs- und Städtebaus verwirklichen. Doch rasch muss sie erkennen, dass die industrialisierte Plattenbauweise keinen Raum läßt für gestalterische Phantasie. Ihre Vorgesetzten und Kollegen haben mittlerweile resigniert und sich den vermeintlichen ökonomischen Sachzwängen ergeben. Parallel zu Franziskas Auseinandersetzungen mit einer erstarrten Partei- und Staatsbürokratie erzählt der Roman auch die unglückliche Liebesgeschichte zwischen ihr und dem intellektuellen Bauarbeiter Ben Trojanowicz.
Was diesen Roman auch heute noch, dreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung und vierzehn Jahre nach dem Ende der DDR, lesenswert macht, ist seine ungeschminkte Beschreibung der DDR - Gesellschaft der sechziger Jahre. Gerade für uns "Wessies", die die DDR nur aus Zeitungsberichten und Erzählungen im Familienkreis kennen gelernt haben, liefert Brigitte Reimanns Roman eine Fülle von Anschauungsmaterial darüber, wie nach und nach das politische und ökonomische System der DDR erstarrte, bis es dann im Herbst 1989 endgültig zusammenbrach.
©Jürgen Heße, Oktober 2003 |