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Roggenkamp, Viola:
Familienleben
Arche Verlag, Zürich
437 Seiten
23,00 Euro

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Mein Urteil über:

Viola Roggenkamp:   Familienleben

Die Hamburger Publizistin Viola Roggenkamp ist nicht nur eine scharfzüngige und kritische Kommentatorin der Geschehnisse in Wirtschaft und Politik der Bundesrepublik, sie ist auch, wie jetzt ihr Romandebüt "Familienleben" gezeigt hat, eine einfühlsame, genau beobachtende Erzählerin.

In "Familienleben" erzählt sie, aus der Perspektive der dreizehnjährigen Fania, die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Schiefer. Neben Fania sind dies ihre vier Jahre ältere Schwester Vera, der Vater Paul, der als Vertreter für Brillengestelle jeden Montag unter der großen Anteilnahme der gesamten Familie, so als ob er für immer fortgehen würde, das Haus verlässt und dessen Rückkehr am Freitag mit eben solch großen Freuden- und Liebesbekundungen gefeiert wird, seiner Frau Alma und ihre Mutter Hedwig.

Die Familie lebt in einem heruntergekommenen Haus im vornehmen Hamburger Stadtteil Harvestehude. Es ist die Zeit der Studentenunruhen Ende der sechziger Jahre in denen die Geschichte spielt. Die Demonstrationen gegen den Krieg der USA in Vietnam, die Studentenproteste gegen den Schah-Besuch in Berlin, der Sechs-Tage-Krieg Israels gegen den Angriff der arabischen Staaten 1967, von all diesen Ereignissen scheint die kleine Welt der Familie Schiefer seltsam unberührt zu sein.

Klar, Fania und Vera gehen zur Schule, die Tanten, die im jüdischen Altersheim leben und sich regelmäßig zum "Theresienstädter Kaffeekränzchen" treffen werden besucht, aber jedes Mal wenn Fania und ihre Schwestern das Haus verlassen, ist es wie ein Besuch in einem feindlichen Land. Kein Wunder, denn viele der alten Nazi-Eliten leben noch in der Nachbarschaft und auch in der eigenen Verwandtschaft gibt es etliche, die sich während der Naziherrschaft unmenschlich verhalten haben und mit denen man nun irgendwie auskommen muss.

Hin und her gerissen zwischen unbändiger Lebenslust und dem Gefühl von Feinden umgeben zu sein, wacht Alma Schiefer über das Wohlergehen ihrer Familie. Da wird zu den Feiertagen gekocht und gebacken, der Vater wird mitten in der Nacht losgeschickt, um für seine Tochter Fania Schokolade zu kaufen und allein die Beschreibung der Spinnenjagd zu Beginn des Romans ist des Lesen wert.

Doch Fania und Vera erleben dieses ständige Umsorgtsein zunehmend als Einengung. Vera beginnt eine kleine Liebelei mit dem Hausbesitzer Hainichen, einem ehemaligen Nazi und die junge Fania lernt in Thea Bechler, der Mutter ihrer Klassenkameradin Sirena, eine Frau kennen, die sie bewundert und zu der sie sich hingezogen fühlt.

Was den Roman zu einem großen Lesevergnügen macht, ist die große Erzählkunst Viola Roggenkamps. Nicht nur, dass sie, am Beispiel der Familie Schiefer, ein genaues Porträt des deutsch-jüdischen Verhältnisses in der Bundesrepublik der späten sechziger Jahre zeichnet, auch die Beschreibung und die Entwicklung der einzelnen Charakter, insbesondere der dreizehnjährigen Fania, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist einfach nur großartig.

                ©Jürgen Heße, Juli 2004

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