büchersee.de
Literatur für Neugierige und Genießer
meine Empfehlungen
Literaturlinks



Roth, Philip:
Der menschliche Makel
Hanser Verlag, München
399 Seiten
24,90 Euro

jetzt bestellen bei amazon.de
jetzt bestellen bei Libri.de

Mein Urteil über:

Philip Roth:   Der menschliche Makel

Erst jetzt bin ich dazu gekommen Philip Roths viel gelobten Roman zu lesen. Und auch wenn die Affäre um den ehemaligen US-Präsidenten Clinton und der Weiße Haus-Praktikantin Monica Lewinsky, die den tagesaktuellen Hintergrund für den Roman bildete, längst der Vergangenheit angehört, so sind die Fragen, die Roth in seinem Werk aufwirft ebenso wie die Antworten, die er darauf findet, immer noch aktuell.

Auch in "Der menschliche Makel" ist es Roths schriftstellerisches Alter Ego, Nathan Zuckerman, der uns die Geschichte von Coleman Silk erzählt.

Dieser hat es, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, bis zum angesehenen Professor für Altphilologie am Athena College gebracht. Auf Grund einer Intrige, wie er vermutet, bezichtigt man ihn eines Tages des Rassismus. Bei einer Anwesenheitskontrolle in einem seiner Seminare hatte er zwei Studenten, die er bislang noch nie gesehen hatte, beiläufig als "dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" bezeichnet. Beide Studenten, bei denen es sich in der Tat um Schwarze handelte, bezichtigten ihn nun vor der College-Leitung des Rassismus. Coleman muss seinen Abschied nehmen und lebt jetzt, 71 Jahre alt, nach dem Tode seiner Frau, seit vier Jahren einsam und verbittert in seinem Haus am Rande der Stadt. Immer noch nagt der Rassismusvorwurf in ihm und er beschließt seine Sicht der Dinge aufzuschreiben. Doch nach zwei Jahren erkennt er, dass alles was er geschrieben hat "Mist" ist und er bittet seinen Nachbarn, den Schriftsteller Nathan Zuckerman, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Die beiden Männer freunden sich miteinander an - bezaubernd die Szene, als die beiden alten Männer eines Abends auf der Terasse von Colemans Haus tanzen - und nach und nach taucht Zuckerman in das Leben von Coleman Silk ein.

Zuerst erfährt er, dass dieser seit einiger Zeit ein erotisches Verhältnis zu Faunia, einer 34jährigen Frau, die als Reinigungskraft im College und auf einer nahegelegenen Farm als Melkerin arbeitet, hat. Neben dem Vorwurf ein Rassist zu sein, will ihn nun auch noch eine junge College-Dozentin als alten sexuellen Lüstling entlarven.

Doch all diese Anschuldigungen sind nichts im Vergleich zu dem Geheimnis, das Coleman Silk seit mehr als fünfzig Jahren mit sich herum trägt. Denn Silk ist ein hellhäutiger Schwarzer und hatte sich, als er in die Navy eintrat, als Weißer ausgegeben.

Und jetzt taucht der Leser ein in die eigentliche Geschichte des Buches, die Geschichte der Identitätsverwandlung oder sollte man nicht besser sagen der Identitätsverleugnung des Coleman Silk. Denn keiner, weder seine Frau noch seine Kinder wußten um sein Geheimnis.

Wie ist es möglich, dass jemand ein Leben lang, nur um "dazu zu gehören", seine Herkunft verleugnet und sich eine falsche Identität zusammen bastelt.

"In welchem Ausmaß, in welchem Umfang hatte das Geheimnis sein tägliches Leben bestimmt und seine Gedanken durchdrungen? Hatte es sich im Laufe der Jahre verändert? .... Lag sein Gewinn in der Tatsache, daß er alle täuschte, daß er das Ding durchzog, das ihm am besten gefiel, daß er inkognito durchs Leben ging, oder hatte er einfach die Tür zu einer Vergangenheit geschlossen, zu Menschen, zu einer ganzen Rasse, mit denen er keine persönlichen oder offiziellen Kontakte mehr haben wollte? Wollte er die gesellschaftlichen Hindernisse umgehen? War er nur ein echter Amerikaner, der, ganz in der großen Tradition der Pioniere, die demokratische Aufforderung befolgte, sich seiner Herkunft zu entledigen, sofern das dem Streben nach Glück diente.?"(S. 370)

Diese Fragen stellt sich Zuckerman am Ende des Romans, kurz bevor er beginnt, die Lebensgeschichte von Coleman Silk aufzuschreiben.

Mit "Der menschliche Makel" hat Philip Roth ein großartiges und einfühlsames Buch über menschliche Identität und die Frage, wonach man einen Menschen beurteilen soll, geschrieben. Es ist ein Buch, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.



                   © Jürgen Heße, April 2004

Im Büchersee
nicht fündig
geworden?

In meinem Shop
finden Sie
bestimmt Ihr
Wunschbuch
oder schauen
Sie bei
meinen anderen
Partnern vorbei
Libri.de - Und Bücher kommen immer gut an
www.abebooks.de - Antiquarische gebrauchte Bücher