Mein Urteil über:
Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus
Am 9. Mai diesen Jahres jährt sich zum zweihundertsten Male der Todestag von Friedrich Schiller. Kein Wunder, dass es aus diesem Anlass eine Flut von Publikationen über Deutschlands "Nationaldichter" gibt. Aus der Masse der Bücher über das Leben und Werk Friedrich Schillers sticht das Buch des Philosophen und Biografienschreibers Rüdiger Safranski, der interessierten Öffentlichkeit bereits mit seinen Büchern über Schopenhauer und Nietzsche bestens bekannt, hervor.
Safranskis Buch ist keine Biografie im klassischen Sinne. Wer also detailgenau in das Leben Friedrich Schillers eintauchen möchte, ist mit anderen Biografien sicher besser bedient. Klar spart auch Safranski die wichtigen Lebensetappen Schillers nicht aus: die Jahre auf der Karlsschule unter der Aufsicht des Herzogs Carl Eugen, der Einfluss seines Philosophielehrers Abel, die Jahre in Jena und Weimar und natürlich seine Beziehung zu Goethe. Doch all diese Lebensstationen dienen Safranski lediglich als Rahmenhandlung für sein eigentliches Anliegen: nämlich einen Überblick zu liefern über das philosophische Denken in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts.
Und mit Sicherheit dürfte hierin der größte Verdienst von Safranskis Arbeit liegen, dass er uns mit dem Philosophen Friedrich Schiller wieder vertraut macht.Denn wohl für die meisten von uns verbinden sich mit dem Namen Schiller die großen Dramen wie Wallenstein, Die Räuber oder Don Karlos oder seine Gedichte und Balladen und weniger seine historischen Abhandlungen und seine Theorien zur Ästhetik.
Safranski gelingt es dabei auch den philosophiegeschichtlich unbedarften Leser in die zu dieser Zeit aktuellen philosophischen Diskurse einzuführen. Aufschlussreich fand ich, wie sich Schillers philosophisches Denken in seinen Dramen widerspiegelt. Und dass ein Klassiker wie Schiller auch heute noch modern ist, zeigt uns Safranski nicht nur an den Auseinandersetzungen um den Begriff der Freiheit, wie ihn Schiller in seinem Stück Don Karlos behandelt, sondern auch in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Hier findet sich auch Schillers kulturanthropoligische These "der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."
Wie aktuell eine Auseinandersetzung mit Schillers These gerade heute, in Zeiten der Allgegenwärtigkeit elektronischer Unterhaltungsmedien ist, zeigt uns Safranski, wenn er schreibt:
"Sein Befund, daß die Moderne den spielenden Menschen nicht ermuntert und begünstigt, mag auf das Schicksal der Künste in der bürgerlichen Gesellschaft zutreffen; bedenkt man aber, daß im Zeitalter der elektronischen Massenmedien die Dimension des Spiels sich ungeheuer ausgeweitet hat, muß man zu dem Schluß kommen, daß sich Schillers Utopie der spielenden Gesellschaft auf überraschend banale Weise verwirklicht hat."
Gibt es auch Kritisches gegenüber Safranskis Buch zu sagen? Zwei Dinge sind mir bei der Lektüre aufgefallen: dass Schiller im Geistesleben des ausgehenden 18 Jahrhunderts eine wichtige Rolle gespielt hat, steht außer Frage, welchen Anteil er aber an der Erfindung des Deutschen Idealismus nun genau hatte, bleibt auch nach der Lektüre von Safranskis Buch offen. Neben dem Dramatiker und dem Philosophen Schiller gibt es auch noch den Lyriker Schiller. Doch dieser Teil des Schillerschen Werkes wird von Safranski, so mein Eindruck, nur am Rande behandelt.
Alles in allem jedoch ist Rüdiger Safranski mit seiner Schiller-Biografie ein großer Wurf gelungen, denn es macht Lust, einen Klassiker wieder neu zu entdecken.
© Jürgen Heße, März 2005 |