Mein Urteil über:
Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe
Im Grunde nicht können, aber doch das Unmögliche versuchen. Dieser Gedanke kommt mir in den Sinn, wenn ich jetzt meine Lektüreeindrücke von Rafik Schamis neuen "Die dunkle Seite der Liebe" beschreiben will.
Unmöglich deshalb, weil es den Umfang einer Rezension sprengen würde, wollte man die Fülle der 304 langen und kurzen Geschichten, die Rafik Schami hier, aufgeteilt in den Büchern der Liebe, des Lachens, der Sippe, des Werdens, der Hölle, des Todes, der Einsamkeit, der Farbe und der Schmetterlinge, vor uns ausbreitet.
Im Zentrum der Geschichte, in die uns der Autor entführt, steht die Liebesgeschichte zwischen Farid Muschtak und der schönen Rana Schahin. Es ist eine Liebe, die sich gegen mannigfache Widerstände durchsetzen und behaupten muss. Denn die Familien der beiden Liebenden sind seit gut hundert Jahren miteinander verfeindet. Wobei verfeindet noch beschönigend ist, denn alle "waren überzeugt, dass sie eher mit dem Teufel als mit einem Angehörigen der feindlichen Sippe befreundet sein wollten."
Es wird viel geliebt in diesem Roman, aber auch genauso viel gelogen und gehasst. Viele Facetten der Liebe stellt uns Rafik Schami vor und vor allem die vielen ungeschriebenen Gesetze und Traditionen, die der Unbeschwertheit der Liebe entgegen stehen. Es sind die Feindschaften der Clans, die regionalen Unterschiede, die verschiedenen Religionszugehörigkeiten.
Seinen besonderen Reiz gewinnt Schamis Werk für mich zwei Umständen. Solch tragische Liebesgeschichten, wie die zwischen Rana und Farid gibt es in der Weltliteratur zur Genüge und vorschnell könnte man auch zu dem Etikett vom geheimnisvoll, exotischen Orient greifen. Doch damit würde man, so denke ich, den Intentionen des Autors bitter Unrecht tun.
Denn Rafik Schami hat nicht nur eine Liebes- oder Clangeschichte geschrieben, das auch, aber er hat diese Geschichte kunstvoll eingebettet in hundert Jahre syrischer, streckenweise arabischer Geschichte. Denn so ganz nebenbei erfährt der aufmerksame Leser auch viele Details, wie sich das poltische und gesellschaftlich-kulturelle System des Landes seit der Auflösung des Osmanischen Reiches verändert hat. Und all die dabei auftretenden Widersprüche und Spannungen spiegeln sich auch in der Geschichte von Farid und Rana wieder.
Und es ist zweitens die Sprache des Romans, die mich in seinen Bann gezogen hat. Zugegeben, ich kenne mich in arabischer Literatur nicht aus, aber ich hatte beim Lesen den Eindruck dass sich in der Art, wie Rafik Schami schreibt, auch die mündliche Erzähltradition des arabischen Raumes widerspiegelt.
Das Verhältnis zwischen Europäern und Arabern ist, nicht erst seit dem 11. September 2001, nicht frei von Spannungen und Konflikten. Und oftmals mögen diese Konflikte ihre Ursachen, zu einem Teil, in bloßer Unkenntnis haben. Die beste Möglichkeit, Unkenntnis zu beseitigen ist, den Anderen kennen zu lernen. Und dazu gehört die Weckung von Neugier auf den Partner. Mit seinem Roman "Die dunkle Seite der Liebe" ist Rafik Schami beides gelungen. Nach der Lektüre seines Romans werden wir ein wenig mehr wissen über Syrien undDamaskus, "dieser schönsten Stadt der Welt" und wir sind neugierig geworden auf diese Welt, die nur ein paar Flugstunden von uns entfernt ist.
© Jürgen Heße, Oktober 2004 |