Mein Urteil über:
Raoul Schrott: Tristan da Cunha
Was für ein Buch!! Oder vielleicht sollte man besser sagen, was für Bücher. Denn Tristan da Cunha, der neue Roman von Raoul Schrott steckt voller faszinierender Geschichten, ist vollgespickt mit Wissenswerten aus der Geschichte Philatelie,der Antarktisforschung, der Kirchengeschichte und der Geschichte der großen Entdeckungsfahrten. Und er ist eine Geschichte der Sehnsüchte und des Begehrens.
Auf 715 Seiten erzählt uns der Autor in kunstvoll verschachtelter Form vier Geschichten, die alle diesen einsamsten Ort der Welt, wie Schrott die Insel Tristan da Cunha in seinem Buch wiederholt nennt, zum Bezugspunkt haben.
Da ist zum einen, gewissermaßen als Rahmenhandlung die Geschichte von Noomi Morholt, einer 41jährigen Wissenschaftlerin, die mit einem Forscherteam in der arktischen Nacht überwintert und Forschungen über das Polarlicht betreiben will. In ihren Tagebuchjournalen schildert sie das Leben auf der Forschungsstation. Die unterschwelligen Konflikte, die nach und nach zwischen den Forschern entstehen, das entbehrungsvolle Leben, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation in einer menschenfeindlichen Umwelt und die Faszination des Polarlichts.
Zwischen ihrer Expeditionsausrüstung findet Noomi eine Kiste mit Büchern und Aufzeichnungen, die eigentlich für Tristan da Cunha bestimmt war. Und so liest Noomi Morholt in ihrer freien Zeit in den Aufzeichnungen von Christan Reval, einem Funker, der im Zweiten Weltkrieg auf der Insel stationiert war, sich dort in die verheiratete Marah verliebte und der 1969 bei der Kartographierung einer Nachbarinsel unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. In seinen Aufzeichnungen schreibt Reval über das Leben der rund dreihundert Inselbewohner, die alle von sieben Familien abstammen. Ihre egalitäre Gemeinschaft, der Kampf gegen die Rattenplage, die Sagen und Geschichten, die man sich des Abends erzählt. Aber auch von der gegenseitigen Kontrolle, die nur wenig Raum läßt für persönliche Freiheiten und Geheimnisse.
Und da sind die Briefe von Edwin Herin Dodgson, der im 19. Jahrhundert als Priester auf die Insel kommt, die er seinem Bruder,dem berühmten Lewis Caroll,schreibt und der sich in eine junge Inselbewohnerin verliebt und sich in eine tiefe Schuld verstrickt.
Und sie liest in den Aufzeichnungen von Mark Thomsen, einem Briefmarkenhändler, dem ein Konkurrent die Frau weggenommen hat und der jetzt mit Hilfe seiner umfangreichen Briefmarkensammlung in epischer Breite die Geschichte der Insel, die weltabgeschieden im Dreieck zwischen Südafrika, Brasilien und der Antarktis liegt. Eine Geschichte, die für ihn eine Parabel seiner gescheiterten Ehe ist, einer Geschichte voll von Begehren und Eifersucht.
Raoul Schrott macht es seinen Lesern nicht leicht. Man muss sich einlassen auf dieses Buch und an manchen Stellen empfiehlt es sich ein naturwissenschaftliches Lexikon zur Hand zu haben und ein grober Überblick über die Weltgeschichte der vergangenen fünfhundert Jahre ist auch nicht schlecht. Doch das Buch lohnt die Mühe allemal.
© Jürgen Heße, Februar 2004 |