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Schulze, Ingo:
Neue Leben
DTV, München
790 Seiten
Preis 9,90 Euro
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Mein Urteil über:

Ingo Schulze:   Neue Leben

War es so? Ja, so war es auch, lautet mein Fazit nachdem ich den 790 Seiten dicken Roman von Ingo Schulze, der von einigen Kritikern ja als "der Wenderoman" gepreist wird, gelesen habe. Ingo Schulze hat für die Lebensgeschichte Enrico Thürmers, die Form des Briefromans gewählt, was der Erzählung ja eine dokumentarisch-objektive Form verleiht, in der der Erzähler normalerweise verschwindet. Ingo Schulze hat diese starre Form, und das sei ihm hoch anzurechnen, satirisch durchbrochen, in dem er immer wieder mit Fußnoten auf Widersprüchen zwischen den einzelnen Aussagen Thürmers hinweist.

Das Briefpaket, das Schulze, der als Herausgeber von Thürmers Briefen fungiert, umfasst ziemlich genau ein halbes Jahr. Der erste Brief trägt das Datum vom 6. Januar 1990, der letzte wurde am 11. Juli 1990 geschrieben. Zeitgeschichtlich umfasst dieser Zeitraum die Erstürmung der Stasizentrale, die ersten freien Volkskammerwahlen mit dem Sieg der "Allianz für Deutschland, die Währungsunion und den Beginn der Verhandlungen über den Einigungsvertrag.

Und mit den Abstand von nunmehr 17 Jahren, in denen sich Ossis und Wessis leidlich zusammengerauft haben, lesen sich weite Strecken des Buches wie Berichte aus einer fernen, fremden Zeit. Unwillkürlich beginnt man in seinen eigenen Erinnerungen zu kramen, Bilder tauchen auf, Nachrichtenmeldungen und Reportagen kommen einem wieder in den Sinn und vielleicht liegt gerade in diesen Prozessen, die das Buch beim Leser auslöst, sein eigentlicher Wert. Und es hat sie ja tatsächlich geben, die Leute aus Thüringen, Sachsen, Brandenburg, die über die Größe unserer Einkaufswagen staunten, die allwissenden, leicht arroganten Jungmanager aus dem Westen, die ein paar Wochen zuvor mit Ach und Krach ihr BWL-Studium hinter sich gebracht hatten und nun den zurückgebliebenen Brüdern und Schwestern die Wunderwelt des Westens erklärten und natürlich auch die windigen Geschäftemacher, die auf eine schnelle Mark hofften.

All diese Tausend Geschichten, die sich in diesen turbulenten Wochen und Monaten zwischen Dresden und Görlitz zugetragen haben, erzählt Ingo Schulze mit großer Könnerschaft und manche Passagen lesen sich so dicht, so spannend, so authentisch, dass man das Buch nicht zur Seite legen kann.

Und dennoch blieb bei mir am Ende des Romans ein eigenartiges Gefühl der Fremdheit zurück. Vermutlich liegt es daran, dass ich mich immer gerne mit dem Helden des Romans identifiziere und das ist mir bei Enrico Thürmer nicht gelungen. Nicht dass er Widerling gewesen wäre, ganz im Gegenteil, mit seinen Widersprüchen und kleinen Notlügen, seinen Hoffnungen und Träumen wirkte er auf mich realistisch und blieb dennoch blass. Ich vermute, es liegt daran, dass wir Leser die Ereignisse nur aus seiner Sicht geschildert bekommen. Denn konsequent hat Ingo Schulze darauf verzichtet, die Antwortschreiben der Adressaten zu veröffentlichen.

Ingo Schulzes Roman besteht aus zwei Teilen: den Hauptteil mit knapp 660 Seiten, bestehend aus den Briefen Enrico Thürmers und einem 130 Seiten starken Anhang, in dem sieben Kurzgeschichten des Protagonisten abgedruckt sind. Wohl um den quasi-dokumentarischen Charakter des Romanwerks zu untermauern, denn immer wieder ist in Thürmers Briefen von dessen schriftstellerischen Ambitionen die Rede. Auf diese letzten 130 Seiten hätte Schulze meiner Meinung nach gut und gerne verzichten können, aber nun ja ...

Und ist dieser Roman nun der große Wenderoman? Wenn die Betonung auf "der" liegt, dann ist die Antwort ein klares Nein. "Neue Leben" ist ein Roman über die Wende, kein herausragender, aber ein gut lesbarer. Und ob es "den" Wenderoman überhaupt geben kann, daran habe ich sowieso meine Zweifel. So viel ist da in den Jahren 1989 und 1990 passiert, als das all diese vielen spannenden, lustigen und tragischen Ereignisse je in einem einzigen Roman zusammengefasst werden könnten.



                       © Jürgen Heße, September 2007

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