Mein Urteil über:
Frank Schulz: Kolks blonde Bräute
Ich gebe zu, bei der Lektüre des Debütromans von Frank Schulz war ich durch sein zweites Buch Morbus fonticuli, das mir damals ausgesprochen gut gefallen hatte, positiv vorbelastet. Kolks blonde Bräute war, wenn ich mich recht entsinne, lange Zeit vergriffen, wurde dann aber vom Frankfurter Verlag Zweitausendeins wieder neu aufgelegt.
Im Grunde findet man bereits in diesem Roman alle Merkmale von Schulz Erzähl- und Fabulierkunst, die er dann in Morbus Fonticuli zu großer Meisterschaft geführt hat. Im Mittelpunkt von Schulz Erstling steht Kolk, der Briefträger, dem eines Tages genau das widerfährt, wovon unzählige seiner Berufskollegen Tag und Nacht träumen. Er begegnet der absoluten Traumfrau und beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit ihr. Und so beginnt für Kolk, der sich ansonsten in seiner Freizeit mit seinen Kumpels Satschesatsche, Heiner und Bodo in der Hamburger Kneipe "Glucke" bei reichlich Bier und Tequila zum Skatspielen und Räsonieren über Gott und die Welt trifft, eine turbulente Zeit.
Erzählt wird die Geschichte von Kolks Liebesabenteuer von Bodo Morten, dem Helden aus dem zweiten Teil der Hagener Trilogie, dem bereits erwähnten Roman "Morbus Fonticuli". Wie bei einem Kneipengespräch üblich, das ja bekanntlich auch von Höckschen zu Stöckchen springt, verzichtet Schulz auf eine lineare Erzählstruktur und geht mal zwei Schritte vor, dann wieder drei zurück, führt sich und seine Leser auf den einen oder andern Seitenweg, um dann doch wieder, manchmal mit gewagten Wendungen, auf den Hauptstrang der Geschichte zurück zu kehren. Und all das kommt mit solch einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit daher, dass man sich beim Lesen verwundert fragt, wie das denn alles überhaupt möglich ist.
Schulz Roman lebt von seinen genauen Milieuschilderungen und von seiner lautmalerischen Sprache.
"Waß haß duhdn geßdan ahmd gemachd", erkundigte sich Bodo unterdessen bei Kolk.
"Och... inna Bürßda pah Bier getrunken, die Ihnjahnafrau bekuggd und ab in die Kohje..."
"Ich wah geßdan auch schon hier", grinste Bodo.
"Hab mid Ruhdi dem Arsch ein gesoffm"
"Achdu scheiße."
"Der hadd mir wiedda n Ohr abgeluddschd daß glaubß du nich..."
Diese ist, zugegebenermaßen, beim ersten Lesen etwas gewöhnungsbedürftig. Doch wenn man etwas nicht sofort versteht, dann sollte man sich die betreffende Passage einfach laut vorlesen.
Mit seinen Schilderungen der verschiedenen Saufrituale und den nicht ganz so schönen Begleiterscheinungen, detailverliebt schildert Schulz auch das Kotzen nach dem Saufen, dem Reigen der skurilen Typen, von denen man denkt, man sei ihnen irgendwann schon einmal an dem einen oder anderem Tresen begegnet, könnte man den Roman leicht als Kneipenroman abtun. Doch hinter dieser Oberfläche ist Schulz Roman zugleich auch ein wunderschönes, melancholisches Buch über Freundschaft, Träume, die zerbrechen und über das Erwachsenwerden.
© Jürgen Heße, Juli 2006 |