Mein Urteil über:
Frank Schulz: Morbus Fonticuli oder die Sehnsucht des Laien
Es beginnt mit einem Bild, das man so leicht nicht vergisst: Bodo Morten, abgebrochenes geisteswissenschaftliches Studium, gekündigter Redaktionsleiter beim Anzeigenblättchen "ElbeEcho", der sich vor zehn Tagen sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hat, auf die klassische Weise "Ich geh' mal eben Zigaretten holen, Schatz", wird von Anita, seiner langjährigen Freundin, und seinen Freunden, in einem Waldstück bei Hagen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stade, von dem Autor schnodderig als "das Kaff" bezeichnet, nur mit Badehose, Gummistiefel und Motorradhelm bekleidet, in dem Moment entdeckt, als er gerade im Begriff ist, in einem ausgegrabenen Erdloch zu verschwinden.
Warum sich Bodo Morten aus dem Staub machen wollte erfahren die Leser auf den folgenden gut 700 Seiten. Denn auf der Suche nach dem Verschwundenen entdecken seine Freunde, dass Bodo seit mehreren Jahren ein exzessives, alkohol- und nikotingetränktes Doppelleben geführt hat, in dessen Mittelpunkt Bärbel Blefeld steht, eine junge, dralle Blondine, die zwar etwas blöd, aber, so Frank Schulz Protagonist, "über einen phänomenalen Hintern" verfügt.
Den Hauptteil des Romans bilden drei Tagebücher, in denen Bodo Morten seine rauschhafte Beziehung zu Bärbel, der "Bülbül" beschreibt. Um diesen Haupterzählstrang ranken sich zahlreiche Rückblenden und Nebenhandlungen, derbe erotische Abenteuer, alkoholgeschwängerte Familienfeiern und vor allem immer wieder Schilderungen des Redaktionsalltags im Anzeigenblättchen "ElbeEcho" die mit zu den besten Szenen des Buches gehören.
Wollte man Schulz Roman aber einzig auf die Trias legaler Drogen Alkohohl, Nikotin und Sex reduzieren, würde man ihm nicht gerecht werden. Denn hinter dieser durchaus witzig beschriebenen Fassade, präsentiert der Autor seinen Helden als eine gescheiterte und gebrochene Persönlichkeit. Einem Mann, der darunter leidet, dass seine Lebensgefährtin beruflich erfolgreicher ist als er, der sich nicht entscheiden kann zwischen ihr und seiner heimlichen Geliebten Anita, der alles in allem der Auffassung ist, im Leben nichts richtiges zustande gebracht zu haben. Und für den schließlich der einzige Ausweg aus seiner hoffnungslosen Situation darin besteht, sich in eine obskure Krankheit, dem "Morbus Fonticuli" , der Fontanellenkrankheit, zu flüchten.
Mit seiner Mischung aus alkoholseligen Dialogen, Wortwitz und Melancholie ist Frank Schulz hier ein großer Roman gelungen, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann.
© Jürgen Heße, Oktober 2003 |