Mein Urteil über:
Georges Simenon: Maigrets erste Untersuchung
Siebzehn Jahre, nachdem Georges Simenon seinen ersten Maigret-Roman "Pietr, der Lette" veröffentlicht hatte, erschien 1948 der Roman "Maigrets erste Untersuchung" der den Leser an den Anfang von Maigrets Berufskarriere führt.
Jules Maigret, 26 Jahre alt und frisch mit Madame Maigret verheiratet, steht am Anfang seiner Berufskarriere. Er ist Sekretär des Kriminalkommissars Le Bret und überwiegend mit der Kontrolle von Formularen und dem Abstempeln von Ausweisen beschäftigt.
Eines Nachts betritt ein Mann das Polizeirevier und berichtet, dass er soeben auf seinem Heimweg von der Arbeit aus einem Haus in der Rue Chaptal aus einem geöffneten Fenster den Hilferuf einer Frau und kurz danach einen Schuß gehört habe. Er habe sich sofort zu dem Haus begeben, sei aber von einem Bediensteten rüde rausgeschmissen worden. Nun solle Maigret sofort mitkommen und diesen mysteriösen Vorfall aufklären. Als der Mann ihm die genaue Adresse des besagten Hauses nennt, stutzt Maigret, denn es ist die Villa der Familie Gendreau-Balthazar, des bekanntesten Kaffeehändlers der Stadt.
Wie viele andere Maigret-Romane bezieht auch dieser einen Großteil seiner Spannung aus der genauen Beschreibung der handelnden Charaktere. Wie nur wenig andere Autoren vermag es Simenon mit wenigen Sätzen vor dem inneren Auge des Lesers eine Atmosphäre zu schaffen. Maigret ist hier noch nicht der alte, erfahrene Kommissar, sondern er tritt uns als junger, ehrgeiziger und noch etwas unsicherer Kommissarsekretär gegenüber, dessen größtes Ziel es ist, eines Tages der erlauchten Riege der Kommissare der Mordkommission am Quai des Orfevrès anzugehören.
Bei seiner Untersuchung des Falles, Maigret muss auf Weisung seines Vorgesetzten Le Bret, der mit der Familie Balthazar privat Kontakt hat, verdeckt ermitteln, stößt Maigret auf eine Phalanx von Schweigen und Abwehr. Und am Ende des Buches ist sich der Leser mit seinem Helden unsicher, ob er sich über die Art und Weise, wie dieser Kriminalfall gelöst, oder besser gesagt, beendet wurde, freuen soll oder nicht.
© Jürgen Heße, Mai 2004 |